Lesen und Vorlesen

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Wie Lesen zum Erlebnis wird

Sie kennen das: Jemand trägt vor - und es ist eine Zumutung. Er kann es nicht. - Oder: Sie sollen einen Text vorlesen - und Sie scheuen sich davor. Sie stimmen zu: Lesen und Vorlesen wollen gelernt sein! Hier erfahren Sie, wie man es lernen kann.

Text verinnerlichen

Lesen bedeutet, einem geschriebenen Text
Vorstellungen und Empfindungen in Art innerer Bilder zuzuordnen.
Vorlesen bedeutet, so erzeugte innere Bilder
Zuhörern mit den Worten des Textes zu vermitteln.

Innere Bilder können im Leser bzw. Zuhörer am deutlichsten entstehen,
wenn er den Text in kurze Sinnabschnitte gliedert bzw. gegliedert hört,
deren jeder eine Figur oder einen Vorgang beschreibt.
Texte zum Vorlesen in kurze Sinnabschnitte untergliedert aufzuschreiben,
erleichtert Rezeption und Wiedergabe des Textes,
indem er sich dem Leser und dem Vortragenden deutlicher erschließt.

In jedem Text bilden die Interpunktionszeichen
(Komma, Semikolon, Punkt, Doppelpunkt und Gedankenstrich)
vorgegebene Sinnabschnittsbegrenzungen,
und markieren also Sprechpausen.
Sprechpausen sind im vorliegenden Text durch Zeilenumbrüche sichtbar gemacht.

Das Lesen besteht daher aus einer Verbindung von Analyse,
das ist das Erkennen der Sinnabschnitte und deren Deutung,
und einer Synthese,
das ist die Verbindung des Textsinns mit lebendigen inneren Bildern,
also der Entwicklung von Empathie
- das ist Einfühlen -
in die Figuren, Vorgänge, Stimmungen und Empfindungen.

Text vortragen

Im Vorlesen wird dem Lesen ein weiteres Element
nämlich das Element der Darstellung hinzu gegeben,
um die eigene, empathische Verbindung mit dem Text
den Zuhörern authentisch vermitteln zu können.
Damit dies überzeugend gelingen kann,
ist die Kenntnis des Texts nötig.
Also: Erst lesen, dann vorlesen!

Der Vortragende bedient sich
der Stimmführung, Mimik, Gestik und Körpersprache in solcher Weise,
dass die inneren Bilder, die er in sich erzeugt hat,
vom Zuhörer als echt und sinnfällig erlebt werden können.

Das Textverstehen braucht Zeit,
damit innere Bilder entstehen können.
Darum sind Pausen nötig.
Denn sie helfen dem Text, verständlich zu werden.
Also: Eile nicht, sondern verweile!
Denn jedes Bild braucht seine Zeit.
Wer schnell lesen kann, liest darum längst nicht gut.

Die Vorstellung, in einem großen Raum zu sprechen, ist hilfreich,
um langsam, artikuliert, betont und laut genug zu reden,
damit die Gedanken und Gefühle durch Worte zum Zuhörer gelangen.

Rapport herstellen

Der Zuhörer kann in Worte gefasste Bilder nur erleben,
wenn er dem Vortragenden zuhören mag.
Dazu bedarf es der Herstellung von Rapport
zwischen dem Vortragenden und seinen Zuhörern,
einer Einladung zum Zuhören gleichsam,
die sich an das Gemüt der Zuhörer richtet.
Sie könnte lauten:
"Ich möchte Ihnen mit meinem Vortrag etwas sehr Wertvolles schenken.
Dieses Geschenk können Sie aber nur empfangen,
solange Sie mir Ihre Aufmerksamkeit schenken.
Das Gelingen dieses Gebens und Nehmens wünsche ich uns."

Rapport aufrecht erhalten

Die Beziehung zum Hörer aufrecht zu erhalten,
bedarf der wachen Wahrnehmung der Stimmung im Auditorium:
Wenn Müdigkeit aufkommt
oder Aufmerksamkeit nicht mehr herstellbar ist,
wenn Blickkontakt verloren geht,
dann erreichen Gedanken und Bilder die Zuhörer nicht mehr.
Der Vortragende muss die averbalen Botschaften seiner Zuhörer
nicht nur erkennen, sondern darauf auch angemessen reagieren.

Würde der Vortragende Enttäuschung äußern
oder gar sein Publikum schelten,
dann hätte er es sogleich verloren.
Die Aufmerksamkeit stellt man am besten mit Humor wieder her.

Ein langer Text muss sich notfalls abkürzen lassen.
Statt alles vorzulesen,
kann eine Passage mit eigenen Worten
zusammenfassend lebendig erzählt werden.
Der Schluss hingegen sollte der abkürzend eingefügten eigenen Erzählung
möglichst originalgetreu angefügt werden.
Hierzu ist hilfreich,
denkbare Auslassungen im Text
durch passende Zeichen und gegebenenfalls auch Verweise
zuvor kenntlich zu machen.

Text erlebbar machen

Der Vortragende muss sich seiner Aufgabe
als Vermittler zwischen Text und Zuhörern bewusst sein.
Beim intensiven Lesen praktiziert man erweitertes Wahrnehmen,
also einen das eigene [1] Bewusstsein prägenden Vorgang.
Durch seine empathische und authentische Verbindung mit dem Text einerseits
und mit den Zuhörer andererseits,
vermittelt der Vortragende die in sich erzeugten inneren Bilder seinen Zuhörern,
die sie ihrerseits bewusst erleben
und auf sich und in sich lebendig wirken lassen.

So können das Lesen, das Vorlesen und das Zuhören
zu einem gemeinsamen und intimen Texterleben werden.



LINKS:
[1] Essay Bewusstsein schulen: www.publicationes.de/bildung/kompetenzentwicklung/53-bewusstsein-schulen.html -


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