1. Ober-Ramstädter Zukunftstage - Arbeit und Geld in der Zukunft von Peter Denker

 

Bericht über den 1. Tag am 17.11.2012 im Scheunensaal der Hammermühle

 

Wolfgang Kress

Es war ein gutes Stück Vorbereitungsarbeit, das Wolfgang Kress,
Stadtrat im Magistrat der Stadt, mit freundlicher Unterstützung der Stadt Ober-Ramstadt geleistet hat, um diese Veranstaltung im vollbesetzten Scheunensaal auf die Beine zu stellen. Vermittlung und Ansporn kamen vom Hauptreferenten einer Veranstaltung zum Thema Gesundheit - Ernährung und Nachhaltigkeit auf dem Lindenhof von Wolfgang Gutberlet, der versprach: "Wenn beim nächsten Mal Frithjof Bergmann kommt, dann komme ich wieder!" Und Frithjof Bergmann kam - und Wolfgang Gutberlet auch.

 

 

 

 

 

Wolfgang Gutberlet

Anspruchsvolle Themen fanden auch diesmal durch kompetente Referenten aufmerksame Zuhörer. Es ging um "Neue Arbeit, neue Kultur und neue Wirtschaft" mit Prof. Frithjof Bergmann, um "Geld mit Zukunft und Vorteile regionaler Währungen" mit Prof. Dr. Margrit Kennedy, um "Das bedingungslose Grundeinkommen" mit Susanne Wiest und um "Transition Town" mit Gerd  Wessling.

 

 

Alle vier Referenten waren sich in der Grundaussage einig:

"So wie bisher kann es nicht weitergehen."

 

 

1. Neue Arbeit

Professor Bergmann verdeutlicht, dass die derzeitig mit dem Begriff Arbeit wie selbstverständlich verbundene Vorstellung von Lohnarbeit erst etwa 200 Jahre existiert, nämlich seit Beginn der Industrialisierung. Von Anfang an kritisch gesehen z.B. von Th. Jefferson, Ch. Dickens, G. Hauptmann hat diese Art Arbeit die Arbeitenden von den Arbeitgebern gesondert und zu sozialen Ungleichgewichten geführt. Weder Kapitalismus noch Kommunismus führen zu einem allgemeinen Wohlergehen. Heute leben mit Deutschland, Österreich und den Niederlanden nur etwa 20% der Weltbevölkerung auf einer "Oase" relativen Wohlergehens mit beachtlichem Überfluss, aber 80% unter "Wüstenbedingungen", wo es am Nötigsten mangelt. Das ist nicht nur moralisch bedenklich, sondern gefährlich; denn das nehmen die Unterprivilegierten nicht länger hin. Schon jetzt drängen immer mehr Menschen, die in ihrer Heimat kein Auskommen finden, in die Oasen-Länder. Und fast überall drängen die Menschen vom Land in die Städte, auch in der Oase Deutschland. Das mangelnde Lohnarbeitsangebot vertreibt die Menschen. Andere treibt die Furcht vor dem Klimawandel zur Stadtflucht. Die Industrie beutet die natürlichen Ressourcen erbarmungslos aus, viele Konsumenten konsumieren ohne Rücksicht auf die Ressourcenverschwendung.

Der Wachstumsfetischismus führt zur Verhunzung der Natur. Das riesige Feuer unter dem Wirtschaftskessel verbrennt die Kultur, weil sie keinen materiellen Gewinn abwirft, und vernichtet immer mehr Arbeitsplätze durch Automatisierung und Globalisierung. Die zunehmende Diskrepanz zwischen den Lebensbedingungen und den Erwartungen der Menschen führen zunehmend zu brisanter Unzufriedenheit. Überall auf der Welt suchen immer mehr Menschen vergeblich nach Arbeit. Landflucht und Stadtelend sind die Folgen. Während zur Zeit unserer Großeltern noch drei Viertel der Bevölkerung von landwirtschaftlicher Arbeit lebten, sind es inzwischen nur noch 4 %. Die allermeisten haben also nicht mehr ihre ursprüngliche Arbeit. Die Medien versuchen das nur zu vertuschen, gaukeln der Bevölkerung eine vermeintlich heile Welt vor.

Frithjof Bergmann

Es bedarf, meint Bergmann, eines Quantensprungs, um in kurzer Zeit ein qualitativ hochwertiges Leben erreichbar zu machen. Wenn es an Arbeitsplätzen fehlt, müssen neue her. Indem Wachstum weder beständig sein kann, noch zu mehr Arbeitsplätzen führt, soll Arbeit nicht länger fabrikweise über den Globus verteilt werden, um Unternehmens- und Spekulationsgewinne zu maximieren. Neue Arbeit braucht gegenteilige Voraussetzungen: Überall, lokal und in überschaubaren Gemeinschaften müssen Produktionsmöglichkeiten geschaffen werden, in denen Arbeit das zum Leben Notwendige möglichst autark, ressourcenschonend, umweltverträglich und menschengemäß herstellen kann.

Ideen wie Miniaturisierung, Geothermiegeräte, Energieerzeuger aus Abfällen, Micromaschinen, sogenannte "Fabricatoren" (universelle Produktionsmaschinen, 3D-Druckern vergleichbar), ökologische Baustoffe, urbane Gärten, Düngemittel produzierende Toiletten sind nur einige Beispiele für lokal herstellbare Arbeitsmittel und Produkte.

Neue Arbeit meint aber auch eine Änderung der Qualität für den Arbeitenden selbst: Mit der Hälfte der Arbeitszeit (20 Stunden pro Woche) sollte die Arbeit für die Gemeinschaft (‚Community Production') und für die Weiterentwicklung der Arbeitsmöglichkeiten (‚New Work Enterprises') in der Gemeinschaft getan sein; die andere Hälfte soll es dem Arbeitenden freistehen zu tun, was er für sich "wirklich wirklich wichtig" findet und will. Diese Arbeit schwächt nicht, sondern stärkt, zumal wenn man sich dabei auf die Unterstützung der Gemeinschaft verlassen kann.

Nein, illusionär sei das nicht, bekräftigt Bergmann, Detroit z.B. hat damit angefangen. Man hat lokal inzwischen mehr als nötig eigenes Gemüse produzieren können und ruft nach der nächsten Phase des ‚New Work'. Die Schulen in Detroit nutzen "Fabricatoren", von denen eine ungeahnte Faszination und Motivation auf alle ausgeht, die damit atemberaubend kreativ arbeiten. Ob man von der ‚Neuen Arbeit' denn auch leben könne, wollte ein Teilnehmer wissen: "Und ob. Es funktioniert. Beispielhaft in Detroit. Und allmählich in immer mehr Orten auf der ganzen Welt." Warum für den Einzelnen die ‚Neue Arbeit' besser ist als die industrielle Arbeit, liegt auf der Hand: Er stellt her und bekommt, was er benötigt und ist bei alledem zufrieden mit dem, was er selbstbestimmt schaffen kann.

Zwei Stunden Kampf mit der Technik, Geduld mit Nachzüglern und Beschwernis durch seinen schmerzenden Rücken hat Prof. Bergmann bewundernswert gemeistert. Die Zuhörer dankten es ihm mit anhaltendem Beifall.

Publikum und Referenten im Scheunensaal der Hammermühle am 17.11.2012

2. Geld mit Zukunft

Die Beschreibung der Wirtschafts- und Arbeitswelt von Herrn Bergmann waren den Zuhörern schon vertraut, weniger seine Auswegbeschreibung. Hatte er mit seiner "Hässlichkeit" kokettiert, die helfe, ihn nicht zu vergessen, so hielt Frau Prof. Kennedy mit Charme und Enthusiasmus einen Vortrag, in dem sie zumeist unbekannte und zutiefst besorgniserregende Tatsachen nannte. Margrit Kennedy

Der von ihr beschriebene Ausweg kann die bevorstehende Katastrophe vermutlich nicht abwenden, aber er nährt die Hoffnung, dass sich die Auswirkungen des bedrohlichen Szenarios womöglich mildern lassen.

Wenn man sich vergegenwärtigt, wie die Finanzwirtschaft uns suggerieren will, alle Schulden seien beherrschbar, wenn nur das Wachstum erhalten bleibe, kann man sich nur wundern, wie leicht-gläubig man diese Aussage hinnimmt. Sie sei mathematisch widerlegbar und in der Geschichte schon oftmals widerlegt worden. Um die Politiker glauben zu machen, das Finanzsystem bedürfe keiner Veränderung, gibt die Finanzbranche pro Tag allein in Brüssel 3 Millionen Euro für Lobbyisten aus! Politiker werden so zu Marionetten der Finanzindustrie, indem sie den Ratschlägen der vermeintlichen Fachleute trauen.

Und jede Bank spielt mit, indem sie ihre Kunden einlädt, ihr Geld "arbeiten" zu lassen, um es zu vermehren. Geld kann aber nicht arbeiten, sondern es wird nur umverteilt. Dabei bekommen die immer mehr, die am meisten haben - zu Lasten derer, die wenig oder nichts übrig haben. "Was nützt uns die Gleichheit vor dem Gesetz, wenn wir keine Gleichheit vor dem Geld haben?" zitierte die Referentin einen argentinischen Zentralbanker.

Dabei sei die Sachlage so einfach wie schlimm: Wie Guthaben durch Zinsen und Zinseszinsen exponentiell wachsen, so auch Schulden durch neue Schulden. Die Grafik, in der Staatsschulden gegenüber der Zeitachse aufgetragen sind, veranschaulicht diese Art der Zunahme. Um eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie dramatisch exponentielles Wachstum voranschreitet, ein einfaches Beispiel: Mit Zinseszinsen verdoppelt sich ein Guthaben bei nur zwei Prozent Jahreszins innerhalb von 35 Jahren, bei 4% schon in etwa der Hälfte dieser Zeit. Jedes materielle, exponentielle Wachstum führt zwangsläufig zu einer nicht beherrschbaren Situation. Längst schon ist in keiner Volkswirtschaft mehr die in Umlauf befindliche Geldmenge durch den Wert der Waren und Dienstleistungen gedeckt. So machen Finanztransaktionen für reale Güter gegenwärtig nur noch etwa 2% der gesamten Geldtransaktionen weltweit aus, 98% sind spekulative Transaktionen mit Währungen im globalen Finanzkasino, referiert Frau Kennedy.

Ein anderer Aspekt, den die meisten Verbraucher - also wir alle - übersehen, ist der Anteil der Kosten einer Ware, die durch Schuldzinsen entstehen. Beim Bier z.B. entfallen etwa 30 % seines Preises auf Zinslasten der Brauereien, bei Mieten sind es mehr als 70%, die durch Zinskosten der Vermieter bedingt sind. Bei den Haushalten der Kommunen und Länder der "Oase" Deutschland zehren die Schuldzinsen inzwischen fast die Hälfte aller Steuereinnahmen auf - mit steigender Tendenz.

Frühere Generationen und andere Kulturen hatten klügere Mechanismen, um dem Aufschuldungsproblem zu entgehen als unsere moderne Gesellschaft. Im Judentum waren und im Islam sind Schuldzinsen verboten. Im Mittelalter wurden im christlichen Europa alle 3 bis 5 Jahre Münzen neu geprägt und die alten für ungültig erklärt. Deshalb investierte man in alles, was seinen Wert behielt, so auch in Kathedralen, deren Bau 200 Jahre dauerte.

Zwischen 1936 und 1970 konnte sich der französische Staat bei seiner Zentralbanken Geld zinslos leihen. Dann wurden zinslose Kredite verboten und der Staat musste sich sein Geld bei den kommerziellen Banken leihen - für diese ein ungutes Geschäft. Statt 8% Schulden im Verhältnis zu Bruttosozialprodukt hatte Frankreich dadurch 2009 bereits 78% und heute über 100% Schulden. Es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten um vorherzusehen, dass ein Währungsschnitt zur Entschuldung aller überschuldeten Länder in absehbarer Zeit unausweichlich ist.

In dieser Lage gäbe es einen Weg, das Fiasko zu mindern, nämlich die Einführung regionaler Währungen neben der offiziellen Währung. Mit einer sehr komplexen Grafik untermauert die Referentin ihre Überzeugung, dass sogar Griechenland damit aus seiner prekären Lage herauskommen könnte, wenn es neben dem Euro für den grenzüberschreitenden Handel intern eine Landeswährung einführen würde.

Auch in unserm Land wäre es sinnvoll und hilfreich, für den weiten Bereich ehrenamtlicher Tätigkeiten und gegenseitiger Hilfeleistungen eine eigene regionale Währung einzuführen, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert und Werterhalt bei Weiterverwendung des Zahlungsmittels durch Wertverlust beim Horten desselben gegenfinanziert. So ist es z.B. in der Schweiz mit dem "Wörgl-Geld" in den 30er Jahren erfolgreich praktiziert worden.

In Schweden gibt es weiterhin ein System (JAK-Mitgliedsbank), bei der z.B. die Tilgung von Schulden mit dem Ansparen eines eigenen Guthabens verbunden. Und damit steht sich jeder der einen Kredit aufnimmt im Endeffekt wesentlich besser als im herkömmlichen System. Weltweit bilden sich regionale Initiativen, die Zeitkonten für Dienstleistungen führen, die im Bereich Pflege oder Nachbarschaftshilfe unentgeltlich erbracht werden. Die Referentin nennt Japan (seit 1995) und gegenwärtig Vorarlberg und St. Gallen als Beispiele. Ein Zuhörer macht darauf aufmerksam, dass der Verein "Lichtblick" (gegründet 1998) in Ober-Ramstadt das gleiche hier schon seit vielen Jahren pflegt, leider mit rückläufiger Mitgliederzahl und anscheinend abnehmender Resonanz in der Bevölkerung. Die Referentin verweist demgegenüber auf eine zunehmende Verbreitung regionaler Währungen z.B. im WIR-Wirtschaftsring, in Counter-Trade-Geschäften und in einer Organisation IRTA (International Reciprocal Trade Organisation). In Deutschland gibt es inzwischen 65 Initiativen, die die Einführung regionaler Währungen planen, und von denen 20 schon eine eigene Währung ausgeben. Am erfolgreichsten sind im Chiemgau die Regionalwährung "Chiemgauer", in Sachsen der "Urstromtaler", in Lüneburg der "Lunar". Um als offizielle Währung gelten zu dürfen, müsste sich die EZB bereitfinden, diese Zahlungsmittel gelten zu lassen. Dagegen arbeiten die vorerwähnten Lobbyisten. (Anmerkung des Berichterstatters: Wen wundert das, wenn der Chef der EZB, Herr Draghi, früher ein Top-Manager in der weltbeherrschenden Investmentbank Goldman Sachs war?).

Erkennbar nimmt die Zahl der Initiativen zu, die sich für regionale Währungen engagieren. Sie streben die strikte Trennung ihrer genossenschaftlich strukturierten Geld-Verwaltung vom Investment-Banking an. Sie betrachten ihre Regionalwährung als "Laboratorien für den alternativen Umgang mit Geld". Indem auch die Zahl der Genossenschaftsbanken zunimmt, die im Gegensatz zur Finanzindustrie den Einleger entscheiden lassen, welchem Zweck sein Geld dienen soll und zu welchem (geringen) Zins, könnten solche Banken vielleicht auch den Brückenschlag zwischen der offiziellen und der regionalen Währung leisten.

Nach diesem Vortrag mit so hoher Informationsdichte war die Mittagpause überlebensnotwendig.

 

3. Bedingungsloses Grundeinkommen

Susanne Wiest

Als "einfache Tagesmutter aus Greifswald" stellte sich die dritte Referentin, Susanne Wiest, vor. Sie hat sich Ende 2008 das Herz gefasst, mit einer Petition an den Bundestag anzuregen, er möge für alle Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen von etwa 1500 € pro Erwachsenem (und 1000 € pro Kind) beschließen. Was auf einer ‹1› Webseite des Deutschen Bundestages nachzulesen ist, macht die Referentin zum Gegenstand eines lebendig und anmutig vorgetragenen Berichts.

Mit Freude habe sie wahrgenommen, dass mehr als 50 Tausend Menschen ihre Petition im Internet unterstützt haben. Und das Erlebnis, mit 200 Unterschriften als parteilose Kandidatin mit ihrem Anliegen bei der Bundestagswahl auf 1,2 % der Stimmen ihres Wahlkreises zu kommen, das sei eine bewegende Erfahrung. Von der Bundeskanzlerin mit mehreren anderen Petenten zu einem Kaffee eingeladen zu werden, bei dem die geladenen Gelegenheit bekamen, ihre Ideen zu erläutern, sei "nett" gewesen, aber auch erschreckend: Die Kanzlerin entschied danach selbstherrlich, welche beiden Anliegen sie weiterzutragen gedenke. Sollte so Demokratie funktionieren?

Wortgewandt, überzeugt und mitreißend vertrat Frau Wiest auch vor dem Publikum im Scheunensaal ihre Überzeugung, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen als Grundrecht anerkannt und eingeführt werden müsste, um allen Menschen eine menschenwürdige Existenz zu ermöglichen, um das Sozialsystem und das Steuersystem drastisch zu vereinfachen. Den im Bundestag geäußerten Bedenken der "problematischen Auswirkungen auf die Arbeitsanreize" widersprach sie vehement. Die Sozialsysteme böten keine Arbeitsanreize, sondern übten auf die Empfänger von Sozialleistungen Druck und Zwang aus; und sie gewährten den Empfängern solcher Leistungen nicht annähernd, was zu einem menschenwürdigen Leben nötig sei. Beschränkungen und Zumutungen nähmen den Sozialleistungsempfängern Freiheit und Würde. Der Einwand, viele würden bei Zubilligung eines bedingungslosen Grundeinkommens nicht mehr arbeiten wollen, hält Frau Wiest entgegen, sie habe noch keinen Menschen getroffen, der von sich gesagt habe, er würde dann nicht mehr arbeiten wollen. Im Gegenteil sei zu erwarten, dass die Bereitschaft zunehmen werde, die damit gegebene Freiheit in Kreativität umzumünzen.

Von den meisten Teilnehmern wurden diese Einschätzungen positiv aufgenommen. Ein Pädagoge, der äußerte, er halte Pflichterfüllung für eine Grundvoraussetzung, um sich Rechte zu erwerben, und er möchte darauf bestehen, dass Menschen, die von der Gesellschaft Leistungen beziehen, dafür auch zu Gegenleistungen verpflichtet seien, erntete dafür Missfallensäußerungen aus dem Publikum. Zutreffend stellte die Referentin fest, diese Äußerung treffe erkennbar nicht den Mainstream der Veranstaltung, verdiene gleichwohl als abweichende Meinung Beachtung. "Wer denn", möchte sie wissen, "soll denn darüber befinden, ob und wie jemand seine Pflichten erfüllt? Das kann doch wohl nur jeder für sich selbst beurteilen." - Vieles sei schließlich Arbeit, was nicht zugleich Erwerbstätigkeit ist, so schon das Zurweltkommen eines Babys, die Sorge der Mutter für ihr heranwachsendes Kind, sogar das Durchleiden einer Krankheit. Der mündige Bürger müsse auch ein freier Bürger sein, plädierte sie sinngemäß. Ja, räumte der vom Publikum ausgebuhte Pädagoge ein, wenn alle Menschen so engagiert wären wie die Referentin, dann möchte er dem wohl gern zustimmen.

Uneingeschränkte Zustimmung wurde der Referentin mit ihrem Appell zuteil, Arbeit nicht nur als das gelten zu lassen, wofür man Geld bekommt. Die unreflektierte Bewertung der Arbeit nach dem damit erzielbaren Einkommen ist oberflächlich und wird den vielen, kraftraubenden und nervenzehrenden Tätigkeiten in Familie, Haushalten und Ehrenämtern in keiner Weise gerecht. Hier ist ein Umdenken nötig, das in einem bedingungslosen Grundeinkommen einen angemessenen Ausdruck fände. Damit könnten die Menschen endlich daran arbeiten, was sie für wirklich wichtig hielten, könnten sich zusammentun, um eigene Ideen zu verwirklichen und in der Gemeinschaft größtmögliche Autonomie erleben.

Die Politiker hingegen wollen am angeblich bewährten Sozialsystem festhalten und die Bürger darin einsperren. Das müsse sich in Zukunft ändern, und darum kämpfe sie weiter für ihre Überzeugung. Der kräftige Applaus der Zuhörer mag sie darin bestärken.

 

4. Transition Network

Gerd WesslingDie lange Zeit anstrengenden Zuhörens, die Gerd Wessling als vierter Referent mit allen Anwesenden hinter sich hatte, bewog ihn, seine Zuhörer vor seinem Vortrag zu einer körperlichen Entspannungsübung und zu einem kurzen Gesprächskontakt mit je einem Sitznachbarn zu ermuntern. Das wurde gern angenommen. Überhaupt wirkte er unter den vier Referenten als der munterste und unbekümmert-resilienteste.

Thematisch knüpft er an die vorigen Vorträge an: Die Transition-Initiativen, von denen er berichten möchte, seien Ausdruck von Selbstermächtigung und dem Bedürfnis nach Räumen der Selbstverwirklichung. "Agenda 21, aber von unten" oder "Energie- und Kulturwandel mit Hirn, Herz und Händen", könnte als Slogan die Methoden dieser Initiativen skizzieren. Sie gehen zurück auf einen Begriff, den der Brite Rob Hopkins ab 2004 als Dozent und Umweltaktivist geformt hat: ‚Transition Town' (Stadt im Übergang) nannte er das Projekt, mit dem zuerst die Stadt Kinsale ihren Energiebedarf und ihre Abhängigkeit von Industrieprodukten systematisch verringert hat, wenig später auch seine Heimatstadt Totnes.

Drei zentrale Begriffe spielen dabei eine Rolle: Permakultur, Resilienz und Transition.

Unter "Permakultur" versteht man eine Art, dauerhaft und nachhaltig zu wirtschaften, bei der man sowohl auf den Menschen als auch auf die Erde achtet. Es geht dabei um Gerechtigkeit. Unter Beachtung der natürlichen Kreisläufe und dem Streben nach Mehrfachnutzen (Beispiel Wald versus Monokultur) versteht sich Permakultur als "Werkzeugkasten" für nachhaltiges Leben. Dazu gilt es einen neuen Lebensstil zu entwickeln und zur Akzeptanz zu bringen, der Mensch und Natur besser in Einklang mit einander bringt. Der Mensch soll weniger Ressourcen benötigen und zugleich mehr "Resilienz" erlangen. Der Weg erfordert Überzeugungsarbeit und Übung. 2009 gab es über 400 Teilnehmer in Kursen dazu. Inzwischen gibt es die Transition-Initiative in 38 Ländern und in den deutschsprachigen Ländern D-A-CH an 75 Orten.

Hopkins schwebt vor, die Welt zu retten. Er weiß, dass die Idee nur daran scheitern kann, wenn zu wenige sie annehmen. An der Notwendigkeit der Ressourcenschonung führt aber kein Weg vorbei, wenn wir überleben wollen. Und dieser Wille kann nur der Anfang sein.

Mit "Resilienz" bezeichnet Hopkins die Fähigkeit eines Systems (Organisation, Individuum, Gemeinschaft oder Organismus), mit schockierenden Gefahren oder Ereignissen überlegen umgehen zu können. Wer über Resilienz verfügt, kommt aus dem gedanklichen Elfenbeinturm seiner Besorgtheit heraus und kann in der Gemeinschaft Geborgenheit und Stärkung erfahren.

"Transition" beschreibt eine positive Zukunftsvision, die Sensibilisierung für nötige Änderungen (eben ‚Wandel' in Richtung dauerhafte Zukunftsfähigkeit) unter Einbeziehung jedes Einzelnen unter Beistand einer starken Gemeinschaft (mit ‚Resilienz').

Diesen Wandel zu organisieren ist die Absicht von Transition-Town-Modellen. Der Aufwand zu ihrer Implementation und Wirksamkeit ist beachtlich, denn die Größe des Problems verursacht auch eine aufwendige Lösung. Dabei gilt es innere und äußere Aspekte mit einander zu vereinbaren. Andererseits geht von ‚Transition' auch eine Überzeugungskraft aus, die zu seiner Verbreitung (als ‚virales Modell') beiträgt.

In Deutschland hat 2009 Bielefeld einen ermutigenden Anfang als ‚Transition Town' gemacht. Die Menschen sehen leicht ein, dass 3 Autos in der Familie und dreimal Urlaub im Jahr des Guten zu viel sind, dass eine eigene Bohrmaschine, die man nur wenige Minuten im Jahr überhaupt braucht, nicht wirklich nötig, und mancherlei Anschaffungen aus Gründen des Ansehens aber ohne sachliche Notwendigkeit erfolgen. Das Umdenken ist im Blick auf andere kinderleicht, gegenüber sich selbst mühsam. Diese inneren Widerstände wollen ernst genommen und diskutiert werden. Den inneren Aspekten des Wandels begegnet die Transition-Initiative, indem sie die Gefühle der Menschen ernst nimmt und ihnen durch Bewusstmachung dazu verhilft, vom Wollen ins Tun zu kommen. Wer darauf beharrt, nicht anfangen zu wollen, ehe andere angefangen haben, löst kein Problem. ‚Transition' ist der einladende Impuls, diese Haltung aufzugeben. Und der gesunde Menschenverstand soll dazu führen, dass man akzeptiert, auf ungerechtfertigte Privilegien freiwillig zu verzichten. Wenn alle Menschen auf der Erde das gleiche Recht auf Nutzung der Ressourcen haben, müssten wir unseren Verbrauch nicht um, sondern auf 10 bis 15 % unseres gegenwärtigen Anspruchs zurückführen. Anders ist Nachhaltigkeit nicht zu erreichen. Bielefeld sieht sich dorthin auf einem guten Weg. In der Praxis bedeutet das beispielsweise, alte und bewährte Techniken für die Permakultur wiederzuentdecken, sich nicht scheuen, dass die Hände dabei schmutzig werden, bei Einkäufen (plastikfreie!) wiederverwendbare Behältnisse zu verwenden, Teilen als Sparsamkeitsprinzip praktizieren, Nutzen höher bewerten als Besitz, Mobilität so weit wie möglich durch Fahrräder und Radwege gewährleisten, Carsharing, Reskilling und Gemeinschaftspflege zum Nutzen aller praktizieren. Für das Teilen ist der Austausch von Sachen und Kenntnissen Voraussetzung und Folge. Kreative Gedanken führen zu praktikablen Lösungen, wie beispielsweise Kochen mit selbstgebauten Solarkochern, Kostümfeste mit selbstgefertigten Verkleidungen aus Stoff-Abfällen, Wiederinbetriebnahme alter Gaslaternen, gemeinsame oder abwechselnde Bewirtschaftung von Gärten oder Agrarflächen und unendlich vielem mehr.

Mit dem Wandel des Gebrauchens stellt sich ein Wandel der Arbeit, des Geldes und der Kultur ein, wie von den vorigen Referenten schon dargestellt. Auf sehr viele verschiedene Weisen lässt sich der Lebensunterhalt gewährleisten bzw. verdienen. Im Hinblick auf die lokalen Währungen warnt Herr Wessling vor dem Ei- und Henne-Problem zwischen den Akzeptoren und den Gebern des neuen Geldes; jeder möchte dem andern den Vortritt lassen. Damit ‚Social Enterprise' und ‚Reconomy' Wirklichkeit werden können, ist viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

Das alles bedingt einen Wandel der inneren Einstellungen wie den bewussten Umgang mit sich und mit einander und mit der Umwelt, Übungen zum Verbinden innerer und äußerer Aspekte durch Perspektivwechsel (Fishbowl), Coachen der Hauptaktivisten, Einübung von Konfliktlösungsstrategien, Tiefenökologie, Gewaltfreie Kommunikation, Streben nach Konsens (statt Zufriedenheit mit Kompromissen). -

Der Berichterstatter erlaubt sich an dieser Stelle den Hinweis, dass genau von diesem Komplex sein soeben erschienenes Buch ‹2› "Schule des Bewusstseins" handelt.

In Versammlungen von Transition-Initiativgruppen hat sich als hilfreich herausgestellt, von Sitzung zu Sitzung wechselnd vier Personen mit Aufgaben zu betrauen, die Effizienz und Akzeptanz steigern:

Das sind neben den üblichen Aufgaben der Gesprächsführung (Moderation) und der Protokollierung die Rollen als Zeitwächter bzw. als Stimmungswächter zu fungieren. Die beiden haben vorrangige Rederechte, um zu verhindern, dass sich eine Beratung thematisch oder in Zwiegesprächen festfährt.

Im kommunalen Umfeld hat sich bewährt und als unverzichtbar herausgestellt, mit der Kommune Möglichkeiten abgestimmten Vorgehens zu verhandeln. Wo der Kommune selbst die Hände durch Vorschriften gebunden sind, kann sie doch der Transition-Initiative Flächen und Handlungsfreiräume einräumen, die sie zum Nutzen der Bürger frei nutzen darf.

"Wenn Sie nicht glauben, dass das alles funktionieren kann, dann kommen Sie doch einfach mal nach Bielefeld", schloss der Referent launig.

Am Zweiten Tag der 1. Ober-Ramstädter Zukunftstage hat sich Prof. Bergmann Zeit genommen, mit einer kleineren Gruppe Interessierter daran zu arbeiten, wie ‚Neue Arbeit' konkret verwirklicht werden kann. Auf Ergebnisse, über die hoffentlich ein Teilnehmer berichtet, darf man gespannt sein.


LINKS:

‹1› Deutscher Bundestag Petition 'Grundeinkommen':
www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2010/31904334_kw45_pa_petitionen/index.html
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‹2› Denker, Peter 'Schule des Bewusstseins' - Buchvorstellung: www.publicationes.de/allgemeines/35-nachrichten1/158-buchankuendigung.html
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