Beckenbodentraining - auch für Männer

Systematische Anleitung zur Therapie von Inkontinenz

Zahlreiche Männer müssen in fortgeschrittenem Alter eine Prostata-Operation durchführen lassen, etliche leiden danach eine Weile unter permanenter oder Belastungs-Inkontinenz. Das Tragen entsprechender Einlagen und die weiteren Einschränkungen der Lebensqualität sind unangenehm und von individuell sehr unterschiedlicher Dauer. Eine Reha-Kur zur Wiedererlangung der Kontinenz wird generell nur Patienten mit malignem Gewebebefund (Karzinom) zugestanden. Alle übrigen müssen Eigeninitiative ergreifen, um wieder "trocken und dicht" zu werden. Und je eher dies geschieht, umso besser!

Harnstrahlunterbrechungen sind bei Inkontinenz falsch

Es gibt immer noch eine ganze Reihe von älteren Urologen, die entsprechend der während ihrer Studienzeit früher einmal vertretenen Lehrmeinung ihren TUR (transurethrale Resektion; urologische Operationstechnik)- Patienten raten, den Harnstrahl bei der Blasenentlehrung mehrfach für jeweils einige Sekunden willentlich zu unterbrechen, um so den Schließmuskel zu trainieren. Dieser Rat ist nicht nur unnütz, sondern sogar schädlich, weil das natürliche Harnlassen dadurch womöglich anhaltend beeinträchtigt wird, indem widerstrebende Befehle vom vegetativen und somatischen Nervensystem sich gegenseitig blockieren können. Wenn der natürlichen Reflex des Harnlassens durch solche Übungen beständig gestört wird, kann eine "[1] Reizblase" entstehen, die das Übel der Inkontinenz nur verschlimmert.
Kompetente Urologen empfehlen darum von sich aus das Beckenbodentraining als beste arzneimittelfreie Möglichkeit, der Inkontinenz wirksam zu begegnen. Es versteht sich von selbst, dass man dazu die Anleitung und Kontrolle eines für Beckenbodentraining ausgewiesenen Physiotherapeuten in Anspruch nehmen sollte. Die willentliche Unterbrechung des Harnstrahls mag allenfalls als Test dafür dienen, ob die Schließmuskeln durch das Beckenbodentraining schon erkennbar gekräftigt worden sind.

Struktur der Beckenbodenmuskulatur

Um die Muskulatur des Beckenbodens trainieren zu können, muss man sie kennen. Sie besteht aus drei Schichten: Die äußere Schicht umschließt wie eine 8 die Harnröhre - bei Männern auch den Schaft des Penis - und den After mit einem als Knoten spürbaren Kreuzungspunkt dazwischen. Die mittlere Schicht verbindet - quer dazu - die beiden Sitzbeinhöcker. Die innere Schicht verbindet fächerförmig das Steißbein mit den beiden Seiten des Schambeinkamms, verläuft also quer zur mittleren Schicht fächerförmig von hinten nach vorn. An dem erwähnten Kreuzungspunkt sind alle drei Muskelschichten miteinander verbunden.

Zwerchfell, Bauch- und Gesäßmuskeln entspannen

Beim dem Training der Beckenbodenmuskulatur ist ausschlaggebend für einen positiven Effekt auf die Schließmuskeln, dass andere Muskel-Spannungen vermieden werden, die den Druck auf die Blase vergrößern. Dazu gehört, dass die Beckenboden-Anspannung beim Ausatmen begonnen werden, wobei sich das Zwerchfell nach oben bewegt, also den Bauchraum vergrößert. Es genügt, die Beckenbodenanspannung beim Ausatmen aufzubauen und dann locker weiter zu atmen.

Außerdem ist darauf zu achten, dass die Anspannung der Beckenbodenmuskulatur bei entspannter Bauch- und Gesäßmuskulatur erfolgt. Ersteres kann man kontrollieren, indem man die Beckenbodenmuskulatur in vornübergebeugter Haltung ausführt und eine Hand unterhalb des Nabels locker an die Bauchdecke anlegt. Damit kann man spüren, wenn die Bauchdecke sich nach außen oder innen anspannt. Beides würde den Druck auf die Blase vergrößern, wäre also verkehrt. Außerdem sollte man darauf achten, bei den Beckenbodenübungen nicht die Gesäßmuskulatur mit anzuspannen. Das lässt sich bei im Sitzen durchgeführtem Beckenbodentraining mit unter die Pobacken gelegten Handflächen gut kontrollieren.

Training der äußeren Schicht

Das Training der Beckenbodenmuskulatur beruht auf der Tatsache, dass mentale Vorstellungen im Bewusstsein bestimmte physiologische Wirkungen steuern können. Beispielsweise aktiviert die Vorstellung, den Penis anzuheben und ihn zum Halten einer Last wie beispielsweise eines Handtuchs anzuspannen, die äußere Schicht (Acht). Dabei spürt man deutlich, dass sich der After verengt. Außerdem ist der Kreuzungspunkt als Knoten wahrnehmbar. Hierfür muss übrigens keine Erektion stattfinden, es genügt die Vorstellung. Die erste Übung besteht darin, diese Wahrnehmungen durch Willensanstrengung zu ermöglichen. Die Beine und Oberschenkel bleiben dabei in ihrer normalen, entspannten parallelen Position, weder geschlossen noch weit gespreizt. Die so aufgebaute Spannung der äußeren Muskelschicht gilt es jeweils einige Sekunden zu halten und danach wieder zu entspannen. Auf die zuvor beschriebene Entspannung von Zwerchfell, Bauch- und Gesäßmuskulatur ist unbedingt zu achten.

Training der mittleren Schicht

Nachdem man gelernt hat, die äußere Schicht anzuspannen und zu entspannen, konzentriert man sich auf den erwähnten Kreuzungspunkt und stellt sich vor, diesen willentlich ins Körperinnere hochzuziehen; als Leitwort könnte dazu "Aufzug" verwendet werden und die Vorstellung, die seitlichen Sitzbeinknochen auf einander zuzubewegen. Solche Imagination spannt die innere Schicht an und verstärkt mit vorheriger Anspannung der äußeren Schicht die gesamte Spannung beider Schichten, die wiederum einige Sekunden gehalten werden soll, ehe man sich wieder entspannt. Auch diesen Trainingsschritt sollte man einige Male mit Pausen wiederholen und dabei wiederum auf die Entspannung von Zwerchfell, Bauch- und Gesäßmuskulatur achten.

Training der inneren Schicht

Auch die innere Schicht der Beckenbodenmuskulatur anzuspannen, beruht auf der Fähigkeit, durch Konzentration Muskeln zu beeinflussen, und zwar jetzt mit der Imagination, das Steißbein nach vorn auf das Schambein hin zu ziehen, nachdem man die beiden anderen Schichten schon nacheinander angespannt hat. Dabei hilft die Vorstellung, den "Aufzug" des Kreuzungspunktes weiter "nach oben fahren" zu lassen. Auch jetzt ist weiter darauf zu achten, dass Zwerchfell, Bauch und Po entspannt bleiben. Und die Spannung aller drei Schichten sollte wiederum einige Sekunden aufrecht erhalten bleiben, ehe man wieder entspannt und alles einige Male wiederholt.

Trainingshaltung bei der Stärkung des Beckenbodens

Praktisch am Beckenbodentraining ist, dass es in entspannter Rückenlage oder aufrecht auf harter Sitzfläche, auf einem Gymnastikball oder im PKW sitzend oder im "Vierfüßlerstand" oder im Stehen und sogar im Gehen ausgeübt werden kann, also eigentlich jederzeit und überall, sogar unbemerkt von anderen. Entscheidend ist das Aufbauen der Anspannung aller drei Schichten in der dargestellten Reihenfolge - bei entspanntem Zwerchfell, Bauch und Po - und das anschließende Entspannen sowie die Wiederholung einiger Sequenzen je Übungszyklus und das Wiederholen einiger Übungszyklen pro Tag. Je häufiger man die Beckenbodenmuskulatur so trainiert, desto besser. Diesem Ziel dient die Methode, sich anzugewöhnen, angesichts einer bestimmten Farbe (z.B. der Lieblingsfarbe) jedesmal eine Beckenbodenübung durchzuführen. Für den Erfolg entscheiden sind: Gute Anleitung und (Selbst-)Kontrolle, Geduld und Ausdauer.

Steigerungen des Beckenbodentrainings

Wem die beschriebenen Übungen sicher gelingen, der kann den Erfolg durch drei Verfeinerungen noch steigern: Erstens kann durch die Vorstellung, eine zu engen Hose überzustreifen und deren "Reißverschluss" über dem Schambein zu schließen, die Muskulatur im Bereich der unteren Bauchdecke zusätzlich kontrahiert und angespannt werden. Und zweitens kann man üben, die gesamte An- und Entspannung aller 4 Bereiche in kurzen Zeitintervallen von beispielsweise einer Sekunde rhythmisch alternieren zu lassen oder drittens das Nachlassen der Anspannung in z.B. sechs Intervallen allmählich zu vollziehen. Eine zusätzliche Übung kann mit einem elastischen Gummistreifenband (z.B. Pinofit-Band) durchführen, dass unter den dicht beieinander stehenden Füßen hindurch und über Kreuz hinter und vor den Beinen geführt und mit den Händen angespannt wird: Die Beckenbodenspannung dann aufzunehmen und beim Auseinanderstellen der Füße unter Kraftanstrengung aufrecht zu halten, kräftigt die Beckenbodenmuskulatur sehr wirkungsvoll.

Wirkungen des Trainings: Stärkung der Muskeln im Beckenbodenbereich

Das beschriebene Beckenbodentraining stärkt alle Muskeln im Beckenbereich, auch die Schließmuskeln der Blase. Mit deren Kräftigung (erzielbar nach einigen Wochen intensiven Trainings mit mehreren Übungszyklen pro Tag) kann nicht nur eine bessere bis vollständige Kontinenz erreicht, sondern auch einer eventuell operationsbedingt aufgetretenen erektilen Dysfunktion entgegengewirkt werden. Schließlich gibt es vereinzelt Erfahrungen, die darauf hindeuten, dass die Prostata selbst durch das Beckenbodentraining ihre ursprüngliche Funktion allmählich wieder erlangen kann, indem Ejakulationen nicht mehr nur retrograd erfolgen. Zudem kann das Beckenbodentraining dazu beitragen, gegebenenfalls vorhandene Hämorrhoiden abzubauen und neuen vorzubeugen. Deswegen ist es empfehlenswert, das Training auch über das Abklingen der Beschwerden hinaus fortzusetzen, am besten lebenslang.

Ergänzende Therapieformen bzw. Untersuchung

Sollte nach systematischem und ausdauerndem Training noch keine durchgreifende Verbesserung der Kontinenz eingetreten sein, kann der behandelnde Urologe gefragt werden, ob

 

  1. womöglich ein Duloxetin-Präparat, das ursprünglich zur Behandlung von Frauen bei Belastungsinkontinenz nach Geburten entwickelt worden ist, für die Weiterbehandlung in Betracht zu ziehen ist oder
  2. die Anwendung eines Elektrostimulators zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur infrage kommt oder
  3. bei anhaltender Belastungsinkontinenz im [2] Anschluss an eine TUR-P auch eine Blasenspiegelung angezeigt ist, um festzustellen, ob womöglich eine Verletzung des Schließmuskels vorliegt.
Im ersten Fall wird der Urologe sich wohl Hinblick auf die Problematik eines auf das zentrale Nervensystem wirkenden Medikaments vor dessen Verordnung gegebenenfalls mit dem Hausarzt abstimmen.

 


Die im vorliegenden Essay gegebenen Erklärungen und Hinweise sind je einem von den Physiotherapeutinnnen Beate Pfeifer aus Ober-Ramstadt und Katrin Mayschak aus Darmstadt angeleiteten Training zu verdanken.

Bitte beachten Sie, dass dieser Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt - nicht ersetzen kann.


LINKS:
[1] extern Reizblase: www.gesundheit.de/krankheiten/niere-harnwege/reizblase/index.html - zurück zu [1] -
[2] Essay Gefahren der Prostata-TUR: www.publicationes.de/verschiedenes/gesundheit/87-turp-gefahren.html - zurück zu [2] -


© Copyright 2009 by PUBLICATIONES - details: www.publicationes.de/allgemeines/copyright.html