Migration aus der Sicht eines Künstlers
"Kunst ist eine Haltung, die hervorgeht aus dem Widerstand gegen jede Art autoritärer Ambitionen"
(Jan Hoet)
eine Gruppe von Keramik-Tonskulpturen auf der documenta IX in Kassel 1992
Auf dem Söller des Fridericianums in Kassel steht eine Menschengruppe. Die Menschen haben die Augen geschlossen, den Kopf gesenkt, lassen die Arme hängen. Sie stehen am Rande, sie stehen am Abgrund. Sie stehen vor dem Nichts. Gefäße, Kisten und Säcke stehen zwischen ihnen. Woher kommen sie? Sind sie angekommen? Wo wollen sie hin? "FREMDE" nennt Schütte die Gruppe. Was ist gemeint: das Fremde, die Fremde, die Fremden? Mit dieser Unbestimmtheit wird das Problem des Unbekannten, des Unvertrauten, des Irritierenden berührt. Die Figuren stehen heute zum Teil auf dem Dach der Musik- und Kongresshalle in Lübeck und symbolisieren dort die Bedeutung des Lübecker Hafens für die Migration insbesondere zwischen Ost und West in Nordeuropa. Damit wird das Anliegen dieser Skulpturengruppe erkennbar und spricht die ganze, gerade heute aktuelle Problematik des Flüchtlingselends der Afrikaflüchtlinge an, für die Lampedusa die Endstation ihrer Sehnsucht und Hoffnungen ist.
heute auf der Musik- und Kongresshalle in Lübeck.
Eine frühere Arbeit von Thomas Schütte, ‹Kleiner Respekt› aus dem Jahr 1994, zeigt eine Gruppe aus drei mit den Rücken zueinander angeordneten, gefesselten Personen, die von ihrem Ausdruck als "Unfreie" zu den "Fremden" korrespondiert.
Foto von [3] Ausstellung München 2009
Thomas Schütte - Künstlerbiografie
International zählt der in Düsseldorf lebende Künstler [2] Thomas Schütte
zu den wichtigsten Künstlern aus Deutschland. Er ist 1954 in Oldenburg geboren und studierte von 1973 - 1981 an der Kunstakademie
in Düsseldorf unter anderen bei Gerhard Richter.
Dreimal nahm er an der "documenta" in Kassel teil; 2005 gewann er für seinen Beitrag den "Goldenen Löwen" der Biennale Venedig.
In seinen Werken zeigt sich eine große Vielseitigkeit und Originalität, auch hinsichtlich der verwendeten Techniken und der Formgebung.
Alle seine Arbeiten lassen viele verschiedene Interpretationen zu. Von Juni bis September 2009 war ihm im HAUS DER KUNST in München
eine eigene [3] Ausstellung gewidmet.
Eine Hommage an Thomas Schütte
Migration als Gestaltungsvorhaben einer Drechselarbeit
Die oben gezeigten Werke von Thomas Schütte sind als beeindruckende, ja erschütternde Zeugnisse der Unfreiheit und Suche nach Freiheit anzuschauen. Mit einer dadurch inspirierten Drechselarbeit mit dem Titel "Endstation Sehnsucht" ist die Absicht verbunden, deren wahrgenommene und empfundene Ausdrucksstärke mit eigenen Mitteln und "im Kleinen" nachzubilden.
Während meine früheren figürlichen Drechselarbeiten meistens [4] Lebenswelten vergangener Zeiten entnommen sind, nimmt das Thema Migration in "Endstation Sehnsucht" auf ganz aktuelles Zeitgeschehen Bezug. Dabei fordert das Sujet "Fremde" eine Weiterentwicklung drechslerischer Möglichkeiten, indem es das Drechseln in den Dienst skulpturalen Gestaltens stellt.
Kleine Figuren ohne Gesichter, aus gedrechselten Elementen zusammengefügt, kommen in Posen der Fremdheit und umgeben von Behältnissen, die ihre Situation verdeutlichen, auf dem breit ausgezogenen Rand einer gedrechselten Schale und den Stufenabsätzen ihrer Innenwand zu stehen. Sie sind den ‹Fremden› der documenta-Gruppe nachempfunden, der Schalenrand versinnbildlicht den Söller des Gebäudes in Kassel bzw. des Flachdachs in Lübeck. Im Zentrum, auf dem Grund der Schale kommt eine Skulptur hinzu, die sich als ‚Keres-Gruppe' an den ‚Kleien Respekt' anlehnt. Mit der Einbeziehung charakteristischer Zitate aus der ‚documenta IX - Gruppe' und dem ‚Kleinen Respekt' soll diese Drechselarbeit dem Künstler Thomas Schütte die Reverenz erweisen und ihm als Hommage gewidmet sein.
Hommage an Thomas Schütte
Von der Gestaltungsidee zur drechslerischen Verwirklichung
Die Schale
Eine Schale dient der Inszenierung der vorgestellten Migrationssituation als eine Art "baulicher Hintergrund".
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| Schale aus Redwood - Rotholz vom Mammutbaum | Unterseite der Schale |
Die Form der Schale ähnelt einem etwas gedrungenen Becken. Sie hat einen überstehenden Rand und ruht auf einem andersfarbigen, ausgeprägten Fuß.
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| Arbeitsskizze zur Formung der Schalenwand | Innenansicht der Schale |
Die Schale hat innen einen treppenförmigen Querschnitt. Die Stufen sind unterschiedlich hoch und tief. Räumlich bilden sie ringförmige Treppenabsätze unterschiedlicher Breite und Höhe. Diese Treppen symbolisieren mit ihrer Unregelmäßigkeit und Steilheit die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich auf dem Weg von "Unten" nach "Oben", von "Innen" nach "Außen" und auf der Flucht aus Not und Elend den Flüchtenden in den Weg stellen.
Der Boden und der Schalensockel sind aus Nussmaserholz gedrechselt, die Schale selbst aus Redwood, dem Rotholz vom Mammutbaum (sequoia sempervirens). Die starke und lebhafte, ja unruhige Maserung des dunklen Bodens und Sockels kontrastiert zur intensiven Rotfärbung der Schale, die so den bedrohlichen Charakter des Szenarios versinnbildlicht.
Posen der Freiheit
Auf dem Schalenrand stehen Figuren in Gruppen am Abgrund: Jung und Alt stehen zusammen. Mit gesenktem Kopf und hängenden Armen geben sie ihrer Verlorenheit, ihrer Niedergeschlagenheit, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit Ausdruck. Hoffnungslos stehen sie buchstäblich am Rand vor dem Nichts. Sie stehen zwischen Gefäßen und Behältnissen. Die Gefäße sind zumeist leer. Sie spiegeln die Leere der Menschen um sie herum wieder, die alles verloren haben, offenbar auch die Hoffnung und ihre Identität, denn alle Figuren haben keine Gesichter.
Die Keres-Gruppe
Der dunkle Boden und Sockel aus Nussmaserholz symbolisieren das "Unten". Die in diesen Boden eingestellte Dreiergruppe ist
aus Banksiazapfen (Banksia grandis) gedrechselt und bei voller Figurenbestückung der Schale erst auf den zweiten Blick zu
entdecken. Diese Gruppe erinnert an die Todesdämonen aus der griechischen Mythologie. Sie verkörpern Gewalt (Ker), Verhängnis
und Untergang (Moros) sowie den Tod (Thanatos). Sie stellen die
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| Keres-Gruppe (ohne Fesseln) | Keres-Gruppe (Endfassung mit Fesseln) |
Mit der Übernahme der Fesseln wie in Schüttes "Kleinem Respekt" wird die Ähnlichkeit dieser Gruppe zu seiner Plastik noch
deutlicher.
Als Bedeutungsträger für Macht und Machtmissbrauch zeigt die Fesselung, dass auch die Machthaber nicht frei sind,
sondern Gefangene ihrer eigenen Ideologie. Die Charaktere dieser Dämonen treten in Einzelaufnahmen noch deutlicher in Erscheinung:
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| Ker übt üble Gewalt aus. | Moros schickt Verhängnis. und Untergang | Thanatos bringt den Tod. |
Sowenig Thomas Schütte die Betrachter seiner Werke auf eine Interpretation festlegt, so wenig soll es hier geschehen, indem
wenigstens eine Alternative angedeutet sei:
Die Fesselung der Keres-Gruppe nimmt den Todesgewalten ihre Macht.
Das erinnert an 1. Kor. 15, 55: "Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?" Der Glaube kann den Tod entmachten wie
seine Frucht, die Nächstenliebe, die einer zur Flucht verleitenden Heimat ihre Schrecken nehmen könnte. Wie unendlich traurig,
wenn Menschen dem einen wie dem andern den Rücken kehren.
Galerie der Stimmungen
Im Folgenden werden die Figuren des Tableaus - unabhängig von ihrer Positionierung und Gruppierung auf dem Schalenrand bzw. in der Schale - einzeln oder gruppenweise vorgestellt. Die ihnen auf der Schale zugeordneten Behältnisse haben sie auch hier bei sich. Dabei nehmen sie eine Pose ein, die ihre gefährdete Situation und ihre emotionale Verfassung ausdrückt.
Handwerkliche Details
Der Kopf
Die Figuren senken alle den Kopf. Für das Drechseln bedeutet das, die Figuren können nicht in einem Arbeitsgang gedrechselt werden. Der Kopfteil wird gesondert hergestellt und erhält 1. einen eigenen schmaleren Halsdurchmesser als das Halsloch und 2. wird der Halsstumpf unten leicht abgeschrägt. Das so gewonnene "Spiel" ermöglicht den Einsatz eines geneigten Kopfes.
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| Getrennte Herstellung von Kopf und Korpus | Körper mit geneigtem Kopf verbunden |
Die Arme
Um die hängenden Arme stabil anzubringen werden sie mit Silberdraht 0,8 mm angedübelt. Die nötigen Löcher sind mit einer schnell rotierenden Feinbohrmaschine hergestellt. Vor dem Anleimen sind sowohl die Arme als auch die Fläche am Körper, an der sie anliegen, plan angeschliffen, um beide möglichst großflächig miteinander zu verleimen.
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| Kopf und Arme fertig zum Zusammenfügen mit dem Korpus |
Auch um die Figurenteile mit Holzbeizen unterschiedlich einfärben zu können, bietet sich deren "Zerlegung" in solche Abschnitte an.
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| Einzelteile vor dem Zusammensetzen |
Holzeigenheiten
Das Rotholz des Mammutbaumes entwickelt beim Drechseln viel feinen Staub. Überdies erschwert seine inhomogene Dichte die Herstellung einer gleichmäßigen Oberfläche trotz eifrigen Schärfens und Schleifens. Auch der Einsatz eines Meißels gelingt bei der beabsichtigten Form nicht gut. Kleinere Unvollkommenheiten und Bearbeitungsspuren verdecken zu einem Teil die aufgestellten Figuren, zu einem andern verbirgt sie auch die Fotografie.
Maße
| Objekt | Merkmal | Maß |
| Schale | Außendurchmesser | 310 mm |
| Oberer Innendurchmesser | 260 mm | |
| Randbreite | 48 mm | |
| Durchmesser der inneren Bodenfläche | 90 mm | |
| Höhe (ohne Figuren) | 120 mm | |
| Figuren | 70 - 90 mm | |
| Gefäße | 30-60 mm |
Materialien
Für die Figuren sind überwiegend ausdrucksstarke Hölzer (Ahorn und Birke gestockt, Eibe, Florida Zeder, Nussbaum, Paduk und Wenge) gewählt, um mit Farbbeizen ausdrucksvolle Farbeffekte und Farbnuancen zu erzeugen.
Zur Oberflächenbearbeitung sind folgende Materialien verwendet worden:
Finishing Oil, WoodWax clear, Bienenwachs, Acrylfarben, Holzspritzwachs, Lackspray, Rustikalbeize und Spiritusbeize.
Als Hilfsmittel sind darüber hinaus Modelliermehl, Bindfaden, Silberdraht und Holzleim zum Einsatz gekommen.
Schluss
Mögen sich Kunstwerke in ihrer Größe und ihrem öffentlichen Ansehen noch so sehr unterscheiden:
Wer sie mit den Augen seines Herzens anschaut, kann in der Nähe zum Kleinen entdecken, was dem weiter entfernten Großen
womöglich neue Deutungsmöglichkeiten schenkt.
Wie schön, wenn das gelingt.







