Ein etwas anderer Pyramidenleuchter von Karl Rüdiger

 

Brauchtum aus Polen trifft auf Volkskunst aus dem Erzgebirge

 

Pyramidenleuchter nach erzgebirgischer Drechseltradition präsentieren weihnachtliche oder profane Szenen von besonderer Bedeutung. Ein 'Trachtenleuchter' aus der Werkstatt des Autors präsentiert Tanzpaare aus verschiedenen Gegenden Polens mit ihren Trachten als farbig gefasste Drechselarbeiten, umgeben von etlichen, der polnischen Volkskunst nachempfundenen Ornantien. Details des Leuchters, die regionale Zuordnung der Trachten und Tänze und deren Charakter beschreibt der nachfolgende Artikel.

Erlebte Volkskunst inspiriert den Drechsler

Mazowsze

Das Staatliche Tanz- und Gesangsensemble Mazowsze, 1948 gegründet, trägt die polnische Tradition der Volkstrachten, der Volksmusik und des Volkstanzes eindrucksvoll um die Welt. Darbietungen dieser Truppe kann man heutzutage auf ‹1› Youtube anschauen, bestaunen und bewundern.

1986 hat das Ensemble während einer Tournee in den Westen Europas Station im Forum der Stadt Leverkusen gemacht. Dort hat der Autor diesen einmaligen und unvergleichlichen Rausch an Farben, Klängen, Rhythmen und Bewegungen erlebt, die sich ihm unvergesslich eingeprägt haben. Das Programm präsentiert Tänze und Lieder aus vielen ethnografischen Regionen Polens in den jeweils typischen, lebhaft gefärbten Landestrachten. Die fünf polnischen Nationaltänze Krakowiak, Kujawiak, Mazurka, Oberek oder Polonaise haben dabei den höchsten Stellenwert. Ein Blick in das Veranstaltungsprogramm gibt bereits einen ersten Eindruck in die Farbigkeit der Darbietungen.

Mazowsze-Figurinen
Abb. 1
Kostümfigurinen zu Tänzen im Mazowsze-Programm

Polen trifft auf Erzgebirge

Die zeichnerische Darstellung der Tänzer im Programm in ihren charakteristischen Trachten, Haltungen und Gesten weckt im Auge des Drechslers die Vorstellung, solche Figuren womöglich zu drechseln.

Oberek-Kostüme
Abb. 2
Kostüme zum Oberek

Das Umsetzen solcher Zeichnungen in Werkzeichnungen als Drechselvorlagen konkretisiert diese Vorstellung.

Figuren-Werkzeichnungen
Abb. 3
Werkzeichnungen von Trachtenpaaren

Die schmucken Trachtenfiguren geben in Form und Farben etwas von dem prachtvollen Eindruck der polnischen Tänzer wieder. Es gilt, eine dazu passende drechslerische Umgebung zu finden. Als solche bietet sich ein Pyramidenleuchter nach erzgebirgischem Vorbild ohne weihnachtliches Dekor an.

Pyramidenleuchter

Zum unverzichtbaren Repertoire der weihnachtlichen Drechselproduktion aus dem Erzgebirge gehören die Weihnachtspyramiden mit mehreren Etagen oder Stufen. Solche Stufenpyramiden sind in der Regel die Träger der Protagonisten der Weihnachtsgeschichte: Engel, Heilige Familie, Hirten, Schafe, Ochs und Esel, die Heiligen Drei Könige mit Gefolge, manchmal auch die Soldaten des Herodes. Gekrönt werden diese Pyramiden von einem Flügelrad, das durch den Aufwind von Kerzen in Bewegung gesetzt werden, die am Gestell der Pyramide angebracht sind. Diese Rotation überträgt sich auf die mit der Flügelachse verbundenen Ebenen. Dadurch dreht sich das auf diesen Ebenen dargestellte Szenario vor den Augen des Betrachters und vermittelt so eine erstaunliche Wirkung und faszinierende Festlichkeit. Der Pyramidenleuchter unterstreicht die Wirkung des auf ihm präsentierten Szenarios, wirkt also als 'Hoheitsformel'.

Es gibt aber auch Pyramidenleuchter ohne Drehmechanismus. Solche Leuchter geben mitunter die traditionelle weihnachtliche Bestückung auf und schmücken ihre Stufen mit Reifentieren und Gegenständen, die unmittelbar nichts mit dem weihnachtlichen Festkreis zu tun haben. Beispielsweise bestückt der Reifendreher Christian Werner aus Seiffen einen solchen Leuchter mit Spanbäumen, Reifentieren und Holzglöckchen.

Werner-Leuchterpyramide
Abb. 4
Leuchterpyramide von Christian Werner

Für die Präsentation polnischer Folklorefiguren bietet sich ein solcher Pyramidenleuchter an; denn er unterstreicht das eindrucksvolle, ästhetische Zusammenwirken von Formen und Farben der polnischen Trachten. Das darauf dargestellte Abbild dieser Trachtenwelt erinnert lebhaft an die Darbietungen von Mazowsze.

Trachtenleuchter
Abb. 5 Unbeleuchteter Pyramidenleuchter
mit polnischen Trachtenfiguren
von Karl Rüdiger

Ein dem Autor gut bekannter und dazu noch ausgezeichneter Kenner der polnischen Volkskunst-Szene, seiner Profession nach Galerist für naive polnische Volkskunst, bemerkte beim Anschauen des fertigen Pyramidenleuchters mit polnischen Trachtenfiguren gegenüber dem Autor, das sei ja 'ganz schön polnisch' geworden.

Der Aufbau des Trachtenleuchters

Dieser Pyramidenleuchter ist ein Standleuchter. Auf einem Kreuzfuss trägt er eine gedrechselte, stark profilierte Spindel. Die Kreisringe der drei Etagen des Leuchters ruhen oben auf 4, in der Mitte auf 6 und unten auf 8 Leuchterarmen. In jeder Etage liegen auf jedem Arm 2 Ringe auf, ein kleinerer innerer und ein größerer äußerer Ring. Die Werkzeichnung macht den Aufbau deutlich.

Gerüst-Werkzeichnung
Abb. 6
Werkzeichnung der Mittelsäule

Das Figurenprogramm des Trachtenleuchters
Die äußeren Kreisringe

Entsprechend der Zahl der Leuchterarme stehen auf den äußeren Ringen 4, 6 bzw. 8 Tanzpaare. Die zugehörigen Bildbeschreibungen geben die Unterschriften unter den Abbildungen aus dem Programm von Mazowsze wieder.

Der obere Kreisring

Auf dem oberen Kreisring sind auf den Segmenten zwischen 4 Leuchterarmen 4 Tanzpaare aufgestellt.

Kreisring oben
Abb. 7
Oberer Kreisring

Jurgowo, eine Gegend von Podhale

Jugorowo
Abb. 8
Tanzpaar aus Jugorowo

Das Geschehen, das den Liedern und Tänzen zugrunde liegt, ist die bäuerliche Lebenswelt. Die Mädchen singen von einem Jungen, der im Gebirge Schafe hütet. In dieser Zeit tanzen die Mädchen mit anderen Jungen. Während des Liedes erklingen Glöckchen. Dann kommen andere Hirten hinzu und es wird gemeinsam getanzt.

Krakowiaczek und Krakowiak

Krakau
Abb. 9
Tanzpaar aus der Region um Krakau

Krakowiaczek stammt aus dem Krakauer Volksgut und ist ein bekanntes Krakauer Volkslied. Der synkopierte Rhythmus ist charakteristisch für das Lied:

Krakowiaczek
Abb. 10
Tanzrhythmus Krakowiaczek

Der Krakowiak ist einer der fünf charakteristischen polnischen Nationaltänze. Dabei handelt es sich um einen Paartanz. Er steht in einem raschen 2/4 Takt. Auch im Krakowiak ist der synkopierte Rhythmus charakteristisch. Bei den Schrittfolgen der Tänzerinnen und Tänzer sind der Wechsel von Ferse und Stiefelspitze, Fersenzusammenschlag und Umdrehung kennzeichnende Elemente.

Krakowiak
Abb. 11
Tanzrhythmus Krakowiak

Ein Notenbeispiel für einen Krakowiak findet sich weiter unten in Abbildung 30a.

Tänze aus Sieradz

Sieradz
Abb. 12
Tanzpaar aus Sieradz

In der Tanzanordnung dieser Darbietung wird unter anderen Tänzen die Polka genannt. Die Polka ist ein Rundtanz im lebhaften bis raschen Zweivierteltakt. Der Name stammt aus Böhmen. Die Polka wird getanzt als eine Folge von Wechselschritten 'kurz-kurz-lang'. Die Betonung liegt auf dem ersten Kurzschritt, also abwechselnd auf dem linken und rechten Fuß. Ursprünglich wurde dieser Wechselschritt mit einem Hüpfer eingeleitet und mit einem Hüpfer abgeschlossen. Die Fröhlichkeit der Musik und die rasche Drehung der Tanzenden führen dazu, dass die Polka oft recht ausgelassen getanzt wird. Die Polka des 19. Jahrhunderts ist durch die regelmäßige Wiederholung eines rhythmischen Motivs charakterisiert, das sich aus zwei sechzehntel Noten und einer Achtelnote zusammensetzt:

Polka
Abb. 13
Tanzrhythmus Polka

Weinlese in Lubusz

Lubusz
Abb. 14
Tanzpaar aus der Gegend um Lubusz

In Lubusz ist die Weinlese verbunden mit dem Brauch, dieses Ereignis mit festlichen Tänzen zu begehen. Für die Aufführungen bei Mazowsze wurden die Originaltrachten, die dem Ensemble zur Verfügung standen, zu Bühnenkostümen aufgearbeitet, die den Tänzern einerseits genügend Spielraum beim Tanzen lassen und die gleichzeitig den Strapazen des ständigen Aus- und Einpackens während der Tourneen gewachsen waren.

Der mittlere Kreisring

Auf dem mittleren Kreisring sind auf den Segmenten zwischen 6 Leuchterarmen 6 Tanzpaare aufgestellt.

Kreisring mitte
Abb. 15
Mittlerer Kreisring

 

Wilanów

Wilanów
Abb. 16
Tanzpaar aus der Gegend von Wilanów

Typisch für Trachten ist ihr Nuancenreichtum. Beinahe jede Ortschaft hatte ihre Eigenheiten. Trachten artikulieren das kulturelle Selbstverständnis einer Lebenswelt, die in ihrem Profil nicht beliebig austauschbar ist. In Wilanów ist es eine ganz spezielle Lebenswelt: Wilanów war die königliche Sommerresidenz von König Jan III. Sobieski und später von August II., wie auch der hervorragendsten Geschlechter des Hochadels. In der polnischen Kultur nahmen die Herrenhäuser, einst Familiensitze des Kleinadels, einen besonderen Platz ein. Altpolnische Tänze eröffneten und beendeten jeden Adelsball. Darauf nimmt die festliche Kleidung dieses Programmpunktes Bezug.

Polonez

Polonez
Abb. 17
Tanztracht 'Polonez' - zur Polonaise

Die Polonaise ist ein polnischer Volkstanz. Er zählt zu den fünf nationalen Tänzen in Polen. Zu diesen polnischen Big Five gehören weiter Mazurka (Mazur), Kujawiak , Krakowiak und Oberek.

Mit einer Polonaise begann man Bälle und Tanzveranstaltungen. Sie ist ein festlicher Tanz im Dreiertakt, bei dem die Tanzenden paarweise den Tanzsaal in gemessenen Schritten durchschreiten.

Die Kleidung ist traditionsgemäß die des Adels im 17.Jahrhundert. Nach ‹2› Ada Dziewanowska sollte 'der Herr beim Tanz nicht nur Noblesse und höfliche Aufmerksamkeit seiner Partnerin gegenüber zeigen, sondern auch allen Anderen rundum. Die Dame sollte sich mit Anmut und einer gewissen "Schüchternheit" bewegen.'

Zwei rhythmische Motive sind charakteristisch für die Polonaise: einmal der typisch stark akzentuierte, wiederholte Rhythmus des ersten Taktes und zum anderen die kadenzierende Schlussformel mit der rhythmischen Aufteilung des ersten Viertels im zweiten Takt:

Polonaise
Abb. 18
Tanzrhythmus Polonaise

Tänze aus Zywiec

Zywiec
Abb. 19
Bürgerliche Tracht aus Zywiec

Zywiec ist eine Mittelstadt in der Woiwodschaft Schlesien in Polen. Sie liegt in den Beskiden in der Nachbarschaft des Dreiländerecks mit Tschechien und der Slowakei.

Die Tracht der Tänzer aus Zywiec ist eine Bürgertracht, die zugleich Festtracht ist. Auffällig ist daran die sehr aufwändig hergestellte Tracht der Frauen. Zu ihren Tänzen gehören Polonaise, Walzer und andere, lokaltypische Tänze.

Mazur

Die in ganz Polen getanzte Mazurka ist ein Spring- und Drehtanz in einem schnellen Dreiertakt.

Mazurka
Abb. 20
Tanzrhythmus Mazurka

Der Rhythmus ist oft punktiert. Die Betonung der schwachen Taktteile zwei und drei ist charakteristisch. In der Schlussphase wird auch gerne der erste Taktteil betont,

Mazurka-Tracht
Abb. 21
Kleid und Uniform zur Mazurka

Bei Aufführungen mit Mazurken stehen bei deren Kostümen vier verschiedene sozial-historische Kleidungsvarianten zur Wahl. Die hier gewählte geht offenbar auf die patriotisch eingestellte Gesellschaft des 19.Jahrhunderts zurück. Hier tragen die Herren die Uniform der französischen Legion: enge Hosen der Marineuniform mit roten Seitenstreifen, kurze Jacken mit dekorativen Knopflocheinfassungen, Epauletten und Schärpen. Die Damen tragen kokette und attraktive Zivilkleidung. Die Kleider sind fließend, tief ausgeschnitten und kurzärmelig. Es ist die Mode des Empire, die in Frankreich am napoleonischen Hof eingeführt und mit seiner Herrschaft nach ganz Europa exportiert wurde.

Łowiczanka

Lowicz
Abb. 22
Tanzpaar aus Łowicz

Łowicz - das ist die Landschaft der märchenhaft bunten Trachten, Tänze und Volksmusik. In den nahegelegenen Dörfern entstehen bunte Scherenschnitte, Ostereier und Stickereien. Im Nationalmuseum von Łowicz kann man reichhaltige Volkskunstsammlungen besichtigen.

Łowiczanka ist eine Zusammenstellung von Tänzen aus der Umgebung von Łowicz. Bei den Tänzen entsteht das unvergleichliche Bild von überwältigender Farbigkeit und von überschäumendem Temperament, das hier mit Tanz und Gesang in den Wirbel einer Massenszene und zu einer großen virtuos gesteigerten hinreißenden Schau gesteigert wird.

Die Łowiczanka bildet in Verbindung mit Mazurka und Oberek das Finale der Darbietungen von Mazowsze.

Tänze aus Góralski

Góralski
Abb. 23
Tanzpaar aus der Gegend von Góralski

Bei den Bewohnern der felsigen Gebirgsausläufer des Tatra-Gebirges im südlichen Polen wird Góralski getanzt. Góralski kommt nur in dieser Gebirgsregion vor. Es ist der Sammelname für die Tänze eines einzelnen Paares, das eine Reihe von (drei bis acht) Tänzen vortanzt. In jedem Abschnitt der Tanzfolge singt der männliche Tänzer zunächst eine ausgewählte Melodie in einem frei strukturierten Rhythmus vor. Das Musikerensemble nimmt diese Melodie auf und führt sie aus als Grundlage für den anschließenden Tanz des Paares. Die Tanzfolge endet, wenn ein anderes Paar die Tanzfläche betritt und in gleicher Weise verfährt. Eine genaue Festlegung der Anzahl der Tänze in jedem Abschnitt gibt es nicht. Sie ist einzig abhängig von der Fantasie und dem Vergnügen der männlichen Tänzer. Während der Tanzfolgen tanzt der männliche Partner allein. Er umkreist dabei seine Partnerin und zeigt eine Reihe verschiedener, raffinierter und kunstvoller Tanzfiguren. Die Partnerin reagiert darauf mit Drehungen und dem Aufstampfen mit Fuß und Hacke.

Der untere Kreisring

Auf dem unteren Kreisring sind 8 Tanzpaare angeordnet. Den Freiflächen zwischen ihnen vorgelagert befinden sich wiederum ebenso viele Kerzenhalter. Weil in dem dieser Arbeit zugrunde liegenden Mazowsce-Programm nur 14 Tanzpaare illustriert sind, fehlen dem Trachtenleuchter zunächst 4 Paare. Deswegen sind die 4 Paare des oberen Kreisrings zweifach gefertigt und im unteren Kreis noch einmal mit aufgestellt. Sie werden hier nicht erneut beschrieben.

Kreisring unten
Abb. 24
Unterer Kreisring

Kujawiak

Kujawy
Abb. 25
Tanzpaar aus Kujawien

Der Kujawiak stammt aus der Region Kujawy in Zentralpolen. Er gehört zu den polnischen Big Five, Krakowiak, Mazurka, Polonaise und Oberek. Nach Ada Dziewanowska's Beschreibung (in Polish Folk Dances and Songs) wird der Kujawiak mit ruhiger Würde und Schlichtheit getanzt, die daran erinnert, wie die Halme reifer Getreidefelder sanft im Wind hin und her schwingen. - Die Musik zum Kujawiak steht in einem Dreiertakt und ist im Tempo ziemlich langsam.

Kujawiak
Abb. 26
Tanzrhythmus Kujawiak

Der Tanz wird von Paaren getanzt, die sich anmutig schreitend im Viertelnotenrhythmus mit etwas gebeugten Knien und gelösten Drehungen mit leichtem Schwingen bewegen. Der Volksmund verbindet den Kujawiak mit der Beschreibung schläfrig und einlullend. Sein Charakter ist oft lyrisch und ruhig. Der Tonart nach ist er gewöhnlich in Moll gehalten. Vielleicht spiegelt sich in diesen Beschreibungen etwas vom Charakter der Kujawyschen Landschaft. Folgt man der Einführung im New Grove Dictionary of Music and Musicians, ist der Kujawiak musikalisch charakterisiert durch seine "falsch" gesetzten Akzente, gewöhnlich auf der 2. oder manchmal der 3. Taktzeit sowie durch das Tempo ‚Metronom = 120 - 150'. Formal ist der Kujawiak dreiteilig mit einem schnelleren Teil in der Mitte, führt jedoch zu einem abschließenden Accelerando im dritten Teil.

Tańce Szamotułskie

Szamotulskie
Abb. 27
Tanzpaar aus Szamotułskie

Szamotuły ist ein Landkreis in dem polnischen Verwaltungsbezirk Großpolen mit der Bezirkshauptstadt Posen. Traditionelle Bräuche gehören seit alters zu einer Hochzeitsfeier, sei es aus Aberglaube oder dem Festhalten an alten Überlieferungen. Obwohl man den Bräuchen heutzutage meist keine tiefere Bedeutung mehr zumisst, werden sie immer noch gerne zur Auflockerung der Festlichkeiten verwendet. Zum hochzeitlichen Brauchtum, auf das sich die 'Tańce Szamotułski' beziehen, gehören zum Beispiel das tänzerische Darstellen des Polterabends, das 'um die Hand anhalten', die Brautentführung, Brautführer- und Brautjungferntänze, die Tätigkeiten des Hochzeitsbitters bei Einladung und Ablauf der Feierlichkeiten, das Vivat auf das Brautpaar, aber auch die möglichen Gefährdungen der Ehe durch Fremdgehen, Untreue oder Seitensprünge.

Szczawnica

Szczawnica
Abb. 28
Tanzpaar aus Szczawnica

In einer der schönsten Gegenden Südpolens liegt in einem engen Tal nahe der slowakischen Grenze der Kurort Szczawnica. Als Thema dieses Programmpunktes nennt das Programm ‚Spiele der Mädchen und Rekruten vor der Rekrutenaushebung'. Über den Zusammenhang zwischen dem Thema der Szene und dem im Titel dieser Tanzfolge genannten Ort gibt der Programmtext keine Auskunft. Zu Zeiten eines ausgeprägten nationalen Patriotismus war es aber allenthalben Brauch, die Musterung junger Männer und die damit ihnen zuerkannte Feststellung ihrer Wehrtauglichkeit mit Sang und Tanz zu feiern. Für die jungen Männer diente die Rekrutenaushebung vor allem aber auch der Initiation in ihre persönliche Identität und Rolle als Mann, mit der sie vor den Mädchen angeben konnten. In den Tanzspielen von Szczawnica ist dies das vorherrschende Thema.

Oberek Opoczyński

Opoczynski
Abb. 29
Tanzpaar aus Opoczyński

Der Oberek, ein instrumental begleiteter Paartanz im Dreiertakt, ist nach Ada Dziewanowska ein Nationaltanz 'nicht nur weil er überall in Polen bekannt ist, sondern weil er in allen sozialen Schichten getanzt wird'.

Besonders bei Aufführungen der polnischen Folklore-Ensembles ist der Oberek der akrobatischste der fünf Nationaltänze Polens. Er ist entstanden in den Dörfern von Masowien (Mazowsze) in Zentralpolen. - Der Name Oberek ist abgeleitet von 'obrac sie = sich drehen'. Die Hauptbewegung des Tanzes ist ein abwechselndes Drehen und Herumwirbeln der Tanzenden im Raum.

Rhythmisch betrachtet gehört der Oberek zur Gruppe der Tänze, die sich auf das Rhythmusmodell der Mazurka beziehen. Zu diesen Tänzen gehört als langsamster der Kujawiak, die Mazurka im gemäßigten Tempo und als schnellster Tanz der Oberek. Alle drei Tänze sind bäuerlichen Ursprungs, haben aber aufgrund der Verbindung zur Stadtbevölkerung und zum Adel beträchtliche Veränderungen erfahren. Von den Volkstanz Ensembles wird der Oberek meist in der Tracht von Łowicz Mazowia, dem zentralen Teil der Region getanzt. Die abgebildete Variante ist die Version, wie sie in Opoczyński getanzt wird. Opoczyński ist ein Landkreis im polnischen Verwaltungsbezirk Łódź

Die inneren Kreisringe

Weiter oben bei der Łowiczanka wurde erwähnt, dass Łowicz unter anderem auch die Stadt der Scherenschnitte ist. Ursprünglich wurden diese Scherenschnitte als Vorlage für Verzierungen von konditorischem Gebäck benutzt. Meist werden Szenen aus dem bäuerlichen Leben in der Tracht von Łowicz dargestellt. Als Motive dienen Bauern und Bäuerinnen aber auch Haustiere und Blumen. Das volkstümliche Kunsthandwerk wird vorwiegend in den Wintermonaten als Brauchtum gepflegt. Die Erzeugnisse werden an Touristen im nahen Warschau verkauft. - Die Programmrückseite von Mazowsze ist mit Abbildungen dieser sehr charakteristischen polnischen Spezialität illustriert.

Illustrationen im Mazowsze-Programm
Pferde
Abb. 30a
Pferde
Pflanzen
Abb. 30b
Pflanzen

Diese Scherenschnitte von Pferde- und Blumendarstellungen haben dem Autor als Anregung für gedrechselte Phantasieblumen und ausgesägte Phantasiepferde gedient. Auf dem inneren mittleren Kreisring stehen nun drei Pferde und auf dem unteren in der Mitte liegenden Kreisring stehen acht Phantasieblumen in Töpfen.

Die einhüllende Fläche der inneren Kreisringe bildet einen kleineren Kegel als die der äußeren Ringe. Deswegen ist der obere innere Ring so klein, dass auf ihm keine Figuren Platz haben.

Drei Pferde auf dem mittleren inneren Ring

Angeregt durch Abb. 30a sind Pferdefiguren entstanden, die auf dem mittleren Innenring platziert sind.

ocker lila blau
Abb. 31
'Ocker'
Abb. 32
'Lila'
Abb. 33
'Blau'

Die Körperteile dieser Pferde sind einzeln ausgesägt, zusammengefügt und verschieden farbig gefasst. Ihre Bezeichnung entspricht der Farbe des Körpers.

Acht Blumen auf dem unteren inneren Ring

In loser Anlehnung an Abb. 30b sind Zierblumen entstanden, die auf dem unteren Innenring platziert sind.

blaues Sechsblatt rote Einbeere Stachelkrone gelbes Vierblatt
Abb. 34
Blaues Sechsblatt
Abb. 35
Rote Einbeere
Abb. 36
Stachelkrone
Abb. 37
Gelbes Vierblatt
       
Radblume Korallenbeere Sternrad Samtröschen
Abb. 38
Radblume
Abb. 39
Korallenbeere
Abb. 40
Sternrad
Abb. 41
Samtröschen
       

Diese Blumen sind aus Perlen, Scheibchen und Zahnstochern gefertigt und farbig gefasst in kleine, gedrechselte Blumentöpfe eingefügt. Die Phantasienamen charakterisieren ihre Form.

Der vollständige Pyramidenleuchter mit brennenden Kerzen

In der dargestellten Arbeit sind polnisches Brauchtum und erzgebirgische Volkskunst eine stimmige Verbindung eingegangen. In Form und Farbe ergänzen sie sich zu einem harmonischen Miteinander. Es ist die Lebenswelt des volkskünstlerischen Schaffens, denen beide Elemente entstammen und die sich hier zu einer übernationalen neuen Identität zusammenfinden, ohne dabei die spezifischen kulturellen Eigenheiten aufzugeben.

kompletter Trachtenleuchter
Abb. 42 Der Pyramidenleuchter
mit polnischen Trachtenfiguren bestückt
und mit brennenden Kerzen

Handwerkliche Details

  • Höhe des Pyramidenleuchters 54 cm
  • Größter Außendurchmesser ∅ 22 cm
  • Kerzenhalter am Rand der Außenringe bzw. Leuchterarme: oberer Ring 4, mittlerer Ring 6, unterer Ring 8; außerdem 1 Kerzenhalter auf der Spitze der Spindel
  • Die Figuren und Kerzen der aufliegenden Kreise stehen zueinander im Verhältnis 4:6:8. Diese Segmentierung hat sich insbesondere bei der Verteilung der Kerzen als ungünstig erwiesen, da bei dieser Einteilung eine regelmäßige Aufstellung auf Lücke geometrisch nicht möglich ist. Bei einem Verhältnis 4:6:8 kommen einzelne Kerzen übereinander zu stehen. Durch den Aufwind der unten stehenden Kerze brennen obere Kerzen nicht mehr ruhig ab. Deswegen wurde bei einem zweiten Leuchter dieser Art das Segmentierungsverhältnis auf 4:8:8 geändert.
  • Figuren aus Ahornholz gedrechselt, mit GESSO grundiert, mit Acrylfarben farbig gefasst
  • Höhe der Figuren ca.70 - 75 mm
  • Spindel aus Buche, naturbelassen, farblos lackiert
  • Fertigungsjahr 1988


Quellen und LINKS:
‹1› Mazowsze Darbietung auf YouTube: www.youtube.com/watch?v=HC64qCQcaXY - zurück zu ‹1› -
‹2› Dziewanowska, Ada: zitiert von ‹3› - zurück zu ‹2› -
‹3› Trochimczyk, Maja 'Polish Dance in Southern California', Essays : www.usc.edu/dept/polish_music/dance/ - zurück zu ‹3› -


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