Monatsfiguren von Karl Rüdiger

 

Ein Deckengemälde inspiriert zur drechslerischen Gestaltung
von für jeden Monat typischen Figuren

 

Was einem Drechsler einfällt, wenn er die Deckengemälde im Festsaal des Klosters Benediktbeuern bestaunt, davon handelt nachfolgender Aufsatz.

Zeiterfahrungen

 

Ein beliebter Gegenstand unter den Arbeiten eines Drechsler ist die Sanduhr. Das Exemplar aus der Werkstatt des Autors zeigt anschaulich, wie Zeit verrinnt. Georg Christoph Lichtenberg stellt fest, dass die Sanduhren nicht bloß an die schnelle Flucht der Zeit erinnern, sondern zugleich auch an den Staub, in welchen wir einst zerfallen werden. Sanduhren gelten daher als Symbol für die Vergänglichkeit.

Alle Jahre wieder erleben wir aber auch die Wiederkehr der gleichen Jahreszeiten und Monate mit ihren besonderen Eigenarten, die in unterschiedlichen Monatsnamen verbalen Ausdruck und in vielerlei Kunstformen auch künstlerische Deutungen finden. In ihnen wird etwas von der Faszination der zyklischen Abläufe in der Natur und im Leben bewusst: Das ewige Kommen, Gehen und Wiederkommen.

Abb. 1 - Laufende Sanduhr  

Zeitperspektive des Drechslers

 

Das Zyklische als Lebens- und Schöpfungsprozess hat den Autor dazu bewogen, es in vielen Variationen zum Gegenstand drechslerischen Schaffens zu machen, so beispielsweise beim Herrscherschicksal am ‹1› "Rad der Fortuna", beim Lebensweg in den ‹2› "Thüringer Trachten", bei den Stundengebeten in ‹3› "Musik der Stille" und insbesondere bei der Schaffung der "Monatsfiguren", die nachfolgend vorgestellt werden. Darin werden zunächst schon vor geraumer Zeit gefertigte, farbige angelegte Figuren präsentiert, die von Deckenbildern aus dem frühbarocken Festsaal des Klosters Benediktbeuern angeregt wurden.

In einem zweiten Aufsatz ‹4› "Gedrechselte Monatsfiguren auf einer 'Ringkugel'" wird eine neuere Fassung der Monatsfiguren vorgestellt, die im Gegensatz zur ersten Ausführung naturbelassen und etwas kleiner gehalten ist. Im Zusammenhang damit wird auch eine Aufstellungsumgebung vorgestellt, die das Zyklische der Monatsabfolge betont.

 

Monatsdarstellungen im frühbarocken Festsaal des Klosters Benediktbeuern

 

Ungemein eindrucksvoll empfand der Autor bei mehren Besuchen im ‹A› Kloster Benediktbeuern immer wieder die Pracht des frühbarocken Festsaales:

Abb. 2 - Festsaal des Klosters mit Stuckdecke und Gemälden
(Quelle: www.kloster-benediktbeuern.de/Kloster/Fuehrungen)

 

In den Jahren 1670 - 1675 wurde der Festsaal vom Baumeister Caspar Feichtmayr errichtet und ausgestaltet. Die ‹B› Deckengemälde in diesem Festsaal hat der Maler Stephan Kessler (1622 - 1700) mit Gesellen aus Brixen geschaffen. Darin enthalten sind unter anderen zwölf Monatsdarstellungen, über die Pater Leo Weber in seinem Buch ‹5› "Der frühbarocke Festsaal und seine Deckenbilder im Kloster Benediktbeuern" schreibt:

"In großer Erzählfreude schildern die Bilder Freizeitbeschäftigungen, jahreszeitliche Arbeiten, frohe Stimmungen und günstige Lebensumstände in Abhängigkeit vom Stand der Natur. Die Art der Darstellung ist volkstümlich und lieblich mit betont gesellschaftlicher Ausrichtung, das bäuerliche Volk mit seiner Beschäftigung, die gehobenen bürgerlichen Kreise mit ihren höheren Ansprüchen und Erwartungen einbeziehend. Im oberen Bildfeld zeigt ein kleines Medaillon in jedem Bild die Zugehörigkeit zur entsprechenden Tierkreisphase an."

 

Der Monatszyklus als Kreativbaustein

 

Abb. 3 - Monatsbild "März" in Benediktbeuern

 

Das März-Bild (Abb. 3) befindet sich auf dem in Abb. 24 mit der Nr. 20 bezeichneten Platz des Deckengemäldes. Es zeigt beispielhaft, wie der Maler die ‹C› Zentralperspektive zugleich als ‹D› Bedeutungsperspektive nutzt, in deren Vordergrund er eine große ‹E› Referenzfigur platziert, die das jeweilige Monatsthema repräsentiert, hier im März einen Falkner. Alle Monatsbilder des Deckengemäldes entsprechen dieser Manier.

Die jeweils im Bildvordergrund platzierten Referenzfiguren haben dem Autor als Vorlage für alle von ihm gedrechselten Monatsfiguren gedient. Wegen der von von dem Monatszyklus im Deckengemälde ausgehenden Anregung zu seiner drechslerischen Darstellung bezeichnet er ihn als ‹F› "Kreativbaustein".

 

Von Referenzfiguren zur Werkskizze

 

Wie in früheren Essays dargestellt, bilden auch für die Monatsfiguren ebene Werkskizzen die Grundlage für deren räumliche Realisierung in der Drechslerwerkstatt. Die Werkskizzen (Abb. 4) nehmen Gestus und Farben der im Deckengemälde vorfindlichen Referenzfiguren auf und geben die zur Anfertigung der Figuren nötigen Maße vor.

 

Abb. 4 - Werkskizzen zu Monatsfiguren für Januar bis November

 

Die Monatsfiguren

 

Abb. 5 - Januar : Ein 'Grandseigneur' beobachtet winterliches Treiben.

 

Januar wird in ‹G› altdeutschem Sprachgebrauch sinnfällig auch "Eismond" genannt. Das Januarbild im Festsaal von Benediktbeuern ist ein Genrebild, das winterliche Alltagsszenen zeigt: Unter anderem genießen die Menschen die Möglichkeit, auf dem zugefrorenen See Schlittschuh zu laufen und Schlitten zu fahren. Die Referenzfigur für den Wintermonat ist ein offensichtlich sehr wohlhabender Mann, ein 'Grandseigneur', wie sein mit Pelz verbrämtes Cape, sein Pelzmuff und der mit Pelz besetzte Hut vermuten lassen. Er schaut gelassen und wohlwollend auf das winterliche Treiben um ihn her.

 

Abb. 6 - Februar : Arlecchino im Kostüm der "Commedia dell' arte"

 

Das im Festsaal dargestellte Monatsbild für den Fastenmonat lässt den Betrachter zum Zuschauer lebhaften Faschingstreibens vor einer norditalienischen Stadtkulisse werden. Exotische Gestalten in Kostümen der Commedia dell'arte beherrschen die Szene. Und so ist denn auch die Referenzfigur für den Februar ein Musikant im typischen Karo-Kostüm des Arlecchino, wie es in der Commedia dell'arte (vgl. Artikel ‹6› "Italienisches Stegreiftheater") üblich war. Für den Februar ist auch der germanische Name "Hornung" gebräuchlich. Er bedeutet soviel wie "Der zu kurz Gekommene". Dieser Name mag darauf beruhen, dass der Februar an Tagen kürzer ist als alle anderen Monate, oder er steht möglicherweise in Bezug zur "Hörnung", dem Geweih-Abwerfen des Wildes im Februar. Neben diesem Namen ist weiter die Bezeichnung "Fastenmond" für den Februar gebräuchlich. Da der Fasching und der Beginn der Fastenzeit in der Regel in den Februar fallen, ist diese Namensgebung besonders in christlich geprägten Gebieten gut nachzuvollziehen.

 

Abb. 7 - März : Adliger Falkner mit Hund

 

Auf dem Bild zum "Lenzmond" sind Gärtner damit beschäftigt, im Kunstgarten eines Palazzo die im Frühling anstehenden pflegerischen Gartenarbeiten zu verrichten. Das auf dem Gemälde für den März dargestellte Ambiente vermittelt eine gehobene Stimmung und der entsprechende gesellschaftliche Rahmen wird durch die Referenzfigur eines adligen Falkners bestimmt. Die Falknerei, auch Beizjagd genannt, ist die Jagd auf Wild mit Hilfe von abgerichteten Greifvögeln. Einer der letzten großen Falkner war der Wittelsbacher Kurfürst Clemens August, Erzbischof von Köln.
"Insbesondere den Falknern ist es zu verdanken, dass der Wanderfalke heute in Mitteleuropa nicht mehr vom Aussterben bedroht ist", lobte einmal ein früherer Bundeslandwirtschaftsminister das Engagement der Falkner.

 

Abb. 8 - April : Bukolische Szene

 

Als mehrteilige Schäferszene stellt sich im "Ostermond" eine Referenzgruppe dar: ein junger Mann mit dem für einen Hirten typischen Stab und einem breitkrempigen Hut, spielt die Schalmei, das Lieblingsinstrument der Hirten; eine junge Frau in einem weiten, bauschigen roten Kleid sitzt vor ihm auf dem Boden. Im Arm hält sie einen Spinnrocken - wie auch die Spinnerin in Abb.16 des Artikels ‹7› "Santons de Provence". Vor dem jungen Paar steht eine Geiß. Im Originalbild säugt ein Zicklein bei ihr. Die Szene ist eine Art Idylle, in der ländliches Leben verklärt dargestellt wird und auf den Betrachter beschaulich und friedlich wirkt. Die Darstellung entbehrt aber einer ehemals zur Idylle gehörenden Naivität, die verloren gegangen ist und Reflexion und allegorischer Beziehung Platz gemacht hat: Der Spinnrocken gilt als Zeichen der Frau, denn das Spinnen war seit je her eine Domäne der Frau. Hier zeigt der Maler die damalige Rollenvorstellung der Geschlechter - sie spinnt, er bestellt das Feld.

Das Aprilbild wird im hinteren Perspektivbereich bestimmt vom Erwachen der Natur, der Bestellung des Feldes, vom Säen, von der Aufzucht der Tiere. Neues Leben entsteht allenthalben und in diesen Zusammenhang ist auch die Referenzgruppe - Mann und Frau - einzuordnen.

 

Abb. 9 - Mai : Rosenkavallier

 

Der fünfte Monat hat den Namen "Weidemond", wohl weil im Mai das Vieh aus dem Stall zurück auf die Weide darf. Die Referenzfigur im Maibild ist ein Kavalier, dessen Auftritt und Pose den Lebensstil und die innere Haltung der höfischen Gesellschaft ausdrückt. Zum knielangen Schoßrock, nach französischem Vorbild "Justaucorps"(eng am Körper anliegend) genannt, trägt er ein Hemd mit Halsbinde, die "Culotte" genannte Kniehose, Seidenstrümpfe und Schuhe mit hohen Absätzen, beide mit Schleifen verziert und als Standeszeichen und Statussymbol eine Allongeperücke. Ein Kränzlein aus Rosen, eine Knickhalslaute und ein breiter Hut mit farbigen Bollenverzierungen vervollständigen seinen Auftritt.

Im Gemälde steht der Kavalier auf einer Schlossterrasse unter einem Schatten spendenden Rosenstrauch. Von der Terrasse geht der Blick in den weiten Garten. Am Ende der Blickachse fällt der Blick auf eine terrassierte Anhöhe, die eine Gloriette als Gegenpol zum Schloss krönt. In der Referenzfigur, in Park und Garten spiegelte sich der Geist der Epoche.

Richard Alewyn schreibt in seinem Buch ‹8› "Das große Welttheater" dazu:

"Das höfische Leben ist totales Fest. In ihm gibt es nichts als das Fest, außer ihm keinen Alltag und keine Arbeit, nichts als leere Zeit und die lange Weile. Und es sieht aus, als ob es der Horror vacui sei, der das höfische Fest erzeugt habe, (…)."

 

Abb. 10 - Juni : Angler

 

"Brachmond" oder "Brachet" ist die süddeutsche Kurzform für den "Brachmonat", in dem bei der Dreifelderwirtschaft das Brachfeld bearbeitet wurde. Die Referenzfigur für diesen üblicherweise "Blühmond" genannten Monat Juni ist ein Angler, der im Bildoriginal gemächlich, erwartungsvoll und zuversichtlich zum nahen Fluss schreitet.

Perspektivisch kleiner sind die übrigen Protagonisten der Bilddarstellung. Sie sind lebhaft beschäftigt mit Fischfang, Schafschur oder auch entspanntem Nichtstun in der freien Natur.

 

Abb. 11 - Juli : Schnitter

 

Die Referenzfigur für den "Heumond" ist ein Schnitter. Je nach Region oder nach der regionalen Höhenlage werden Wiesen bis zu sechs mal im Jahr gemäht. Der erste Schnitt, der im Frühsommer stattfindet, heißt Heumahd. Der zweiter Schnitt ist das Grummet oder Öhmd. Dieser zweite Schnitt erfolgt in der Regel im Hochsommer. Dass die Heuernte im Ablauf der Monatsbilder erst im Juli dargestellt wird, lässt vermuten, dass sie mit dem Öhmd verbunden werden sollte.

Das Mähen mit der Sense zählt zu den ältesten Kulturtechniken des Menschen und hat eine sehr lange Tradition. Die Referenzfigur des Bildes hält neben der Sense einen Krug im Arm, der einen erfrischenden Trunk verspricht und der dem Durst der Schnitter abhelfen wird.

 

Abb. 12 - August : Schnitterin

 

Die Referenzfigur für den "Erntemond" ist eine Schnitterin. Früher erfolgte die Getreideernte von Hand vorwiegend mit Sense und Sichel. Die abgemähten Getreidehalme wurden zu Garben zusammen gebunden und dann anschließend gegeneinander auf dem Feld als Hocke, Puppe oder Stiege zum weiteren Trocknen und Ausreifen aufgestellt.

Die Mäharbeit wurde in der Regel von Männern erledigt. Das Binden der Garben hingegen war Frauenarbeit. Entsprechend trägt die Schnitterin auf dem Monatsbild auch Sichel und Garbe.

Auffallend ist die Wahl einer Frau als Referenzfigur für den "Erntemond". Diese Wahl mag an das Fest "Schnitterin", auch "Kräuterweih" genannt erinnern, das am 1./2. oder 15. August begangen wird. Es ist das Fest des Schneidens, der Getreideernte.

Zwei Aspekte hat das Schneiden: Einmal das Abtrennen der Ähre, den Tod der Pflanze und zum anderen die Wiedergeburt aus der Ernte, der Frucht, die für uns das Überleben sichert.

Kräuterweih wird häufig an Mariä Himmelfahrt, dem 15. August gefeiert - einem christlichen Fest. In manchen katholischen Gegenden werden an diesem Fest Kräutersträuße in der Kirche geweiht.

 

Abb. 13 - September : Vogelsteller

 

Ein Vogelsteller ist die Referenzfigur des "Holzmondes". Ein imposantes Schloss im Hintergrund des Septemberbildes und die Kleidung des Mannes lassen auf seine adelige Herkunft schließen. Die Bedeutung der heimischen Vögel für die Herrschenden in der jeweiligen Epoche bezeugen bekannte Vertreter dieser Klasse: Walther von der Vogelweide trug den Vogel in seinem Wappen, Kaiser Heinrich der Vogler und Kaiser Maximilian I gingen gern auf Vogelfang. Dies verwundert weiter nicht, wenn man die sieben Fertigkeiten des ritterlichen Standes betrachtet: Schachspiel, Reiten, Schwimmen, Schießen, Ringen, Vogelfang und das Saitenspiel.

In deutlichem Gegensatz dazu stehen die Obst pflückenden Erwachsenen und Kindern, die auf dem Bildoriginal in angemessen kleinerer Bedeutungsperspektive neben dem Vogelfänger auch im Vordergrund stehen.

Der Vogelfang von Wildvögeln zur Ergänzung der Nahrung wird seit der Steinzeit betrieben, der Fang für die Singvogelhaltung ist seit dem Mittelalter überliefert. Wenn auch der Vogelfang in der Regel heute verboten ist, gibt es immer noch Länder und Gebiete, wo diese Art der "Jagd des kleinen Mannes" erlaubt ist.

 

Abb. 14 - Oktober : Kellermeister

 

Der Oktober ist der "Mond der Weinlese". Stephan Kessler stellt die Referenzfigur für diesen Monat als einen weinselig dreinblickenden und mit Weinlaub und Weintrauben bekränzter Bacchus auf einem Weinfass thronend dar, der dem Betrachter ein mit Wein gefülltes Glas entgegen hält, mit dem er diesen gleichsam zum Mittrinken einlädt. Anders als der Maler stellt der Drechsler die Referenzfigur als einen Kellermeister dar, der voll Stolz die von ihm produzierte "Kreszenz", einen "edlen Tropfen" aus seinem Weinkeller dem Gast zum Probieren entgegen hält.

Die jahrtausendealte Tradition des Weinbaues hat es mit sich gebracht, dass der ‹9› Weinbau und der Wein für die Bevölkerung eines Gebietes ein Teil ihrer Lebensart ist und dazugehört.

Das Genrebild der Weinernte im Festsaal von Benediktbeuern mag daher bestätigen, dass die Monatsbilder im an Weinbergen reichen Südtirol entstanden sind. Weinkultur ist zu allen Zeiten dort und anderswo Ausdruck der Lebensfreude und Lebenskultur gewesen. Wein verkörpert ein Stück abendländischer Kulturgeschichte.

 

Abb. 15 / 16 - November : Bauer mit Gänsen zu Martini
Abb.15 'en face' Abb. 16 von links betrachtet

 

Die Referenzfigur für den "Herbstmond" ist ein Bauer, der in seinen Schultertaschen zwei Gänse trägt, die an "Martini" beim "Gänseessen" verspeist werden. In seiner rechten Hand trägt er einen Korb mit frischen Eiern. An "Martini" ist der Gedenktag des heiligen Martin von Tours. Dieser Tag ist von zahlreichen Bräuchen geprägt. Heute ist vor allem als Brauch das traditionelle "Martinsgansessen" weit verbreitet. Ein historischer Erklärungsversuch der Gänselegende geht davon aus, dass der Ursprung eine in früheren Zeiten am Martinstag fällige Lehnspflicht war. Da diese häufig aus einer Gans bestand, soll sich die Bezeichnung Martinsgans heraus gebildet haben. Und weil der ‹10› Martinstag traditionell mit einer Kirmes oder einem Tanzmusikabend gefeiert wurde, bot es sich an, die Gans zum Festessen zu machen und an diesem Abend festlich zu verspeisen.

Abgesehen von dieser Brauchtumserklärung gilt die Gans als Symbol für die zunächst abnehmende und danach wieder zunehmende Sonne. Am Ende des Bauernjahres symbolisiert sie im Wechsel der Jahreszeiten den "Herbst". Wie treffend in einem "Herbstmond" genannten Monat!

In diesem Deutungszusammenhang ist wohl auch der Eierkorb nicht nur als eine zufällige Zutat zu sehen, gilt doch (z.B. im ‹11› Symbol-Lexikon) das Ei als der Keim aller Schöpfung. Es birgt alle Möglichkeiten kreatürlicher Entwicklung in sich. Und so deuten die Eier im Korb am Ende des Erntejahres die Hoffnung auf die Wiederbelebung der Natur im kommenden Frühjahr an.

 

Abb. 17 - Dezember : Wirt mit Schlachtschüssel und Bierkrug

 

Der "Heiligmond" verweist auf die in diesem Monat liegende weihnachtliche Festzeit. Das Dezemberbild im Kloster Benediktbeuern ist aber profaneren Dingen zugewandt und zeigt ein Schlachtfest auf dem Dorfplatz. Im allgemeinen gilt der November als Schlachtmonat. Aber neben dem "Martinischlachten" im November gab es früher auch das "Nikolausschlachten" im Dezember. Da es auf dem Monatsbild in Benediktbeuern aber schon geschneit hat, dürfte mit der Referenzfigur für den Dezember, die einen Wirt mit Bierkrug und Schlachtschüssel darstellt, vermutlich die Zeit um Nikolaus gemeint sein.

Wenn früher auf dem Bauernhof geschlachtet wurde, war das für alle Beteiligten, ein besonderes Ereignis, zu dem es für die Kinder sogar schulfrei gab. Die gemeinsam erledigte Arbeit wurde dann am Abend gefeiert: Wurstbrühe, Wellfleisch, Blut-, Leber- und Grützwurst, Speck, Schweinefüße und Schweineohren wurden dazu mit Sauerkraut und gedünsteten Äpfeln und - selbstverständlich mit Bier und Schnaps gereicht. Wer am Mitfeiern verhindert war, dem wurde eine Schlachtschüssel nach Hause geschickt.

 

Tableau der Monatsfiguren

 

In der Sammlung ‹12› Kleine Welten in Holz stehen die Monatsfiguren neben anderen ausgestellten Figuren halbkreisförmig angeordnet in einem Ausstellungsregal.

 

Abb. 18 - Tableau der Monatsfiguren

 

Zu Präsentation gehören bei dieser Aufstellung auch gedrechselte Bäume, deren naturfarbene Hölzer so geartet sind, dass die Baumkronen in etwa die unterschiedliche Laubfärbung der vier Jahreszeiten andeuten.

 

Abb. 19 - Winter im Monatsfiguren-Tableau (Dezember bis Februar)

 

Der Drechsler realisiert bei dem linken Baum die Verzweigung der horizontal am Baumstamm ansetzenden Äste durch parallel geführte Einstiche in den massiven Holzkörper der Baumkrone. Senkrechte Rissspuren in dem hell gefärbten Baum unterstützen den Eindruck eines unbelaubten, mit Schnee bedeckten Baumes. Auch das gestockte Holz des anderen Baumes möchte die Vorstellung von Schnee auf den Ästen assoziieren lassen.

 

Abb. 20 - Frühling im Monatsfiguren-Tableau (März bis Mai)

 

Im Frühling tragen die Bäume gemeinhin schon volles Laub und Blüten. Zur Darstellung von Blüten sind in die zwischen den "Ästen" parallel eingestochenen Freiräume weiße Holzperlen eingefügt, die den Eindruck der Blüten vermitteln sollen.

 

Abb. 21 - Sommer im Monatsfiguren-Tableau (Juni bis August)

 

Die naturbelassene Braunfärbung des Holzes und die stark konturierte Kontur der Baumkrone stehen für die im Sommer in voller Reife stehende Natur. Der Baum korrespondiert zu den ihn umgebenden Monatsfiguren, die mit der Erntearbeiten beschäftigt sind.

 

Abb. 22 - Herbst im Monatsfiguren-Tableau (September bis November)

 

An Stelle der weißen Blüten im Frühling tragen die Bäume jetzt rot leuchtende Früchte.Vor dem Winter färbt sich die Natur noch einmal in üppiger Farbenpracht. Das Jahr geht dem Ende zu. Fahlgelb bis hellgraubraun ist der linke Baum bereits gefärbt. Die nächste Etappe im Jahreslauf kündigt sich an.

 

Zum Beschluss

 

Zusammenfassend charakterisiert Pater Leo Weber (in ‹5› auf S. 63) die Monatsbilder folgendermaßen:

Aus der Grundstimmung, die der ganzen Monatsreihe innewohnt, spricht eine bejahende Lebensphilosophie auf der Grundlage des jüdisch-christlichen Welt- und Menschenbildes. Die Vorstellung der einzelnen Monate mit der jeweiligen typischen Beschäftigung, mit dem Brauchtum und der spezifischen Lebensweise gleicht kulturellen Fenstern, die uns einen interessanten Blick in das Milieu unserer barocken Vorfahren tun lassen und uns die Kenntnis von ihrem "savoir vivre" vermitteln. Die weltoffene Haltung, die bereits im ersten Teilzyklus an der Flachdecke zum Ausdruck kommt, wird durch die Monatsbilder unterstrichen und fortgeführt. Die gesunden Freuden des irdischen, vom Schöpfergott geschenkten Lebens erfahren keine Verdrängung oder gar Verachtung sondern Bejahung. Sie müssen nur mit dem Ziel der ewigen Bestimmung des Menschen im Einklang stehen.

Dem Autor hat es Freude gemacht, mit den Mitteln des Drechslers die auf den Monatsbildern im Festsaal von Benediktbeuern festgehaltenen Lebenswelten der Zeit von 1580 bis etwa 1600 mit ihren oft dekorativ-gezierten Formen in die dreidimensionale Wirklichkeit zu versetzen und sie im wahrsten Sinne des Wortes "begreifbar" zu machen.

 

Handwerkliche Details

 

Alle Figuren wurden aus Ahornholz gedrechselt, mit Guardi-Weiß grundiert und mit Clou-Seidenmatt versiegelt.
Alle Figuren haben eine Höhe von durchschnittlich 80 mm.
Die Tiere wurden aus Teilstücken zusammengeleimt, die vorbereitend gesägt und beschnitzt wurden.
Zusätzlich kamen die folgenden Materialien zur Anwendung:
Filztuch, Federn, Bindfaden, Holzspäne, Draht, Leinen,Verband-Gaze, Holzperlen.

 


 

Erläuterungen:

‹A› Kloster Benediktbeuern:
Die heutige barocke Klosteranlage, bestehend aus dem Klosterhof und dem Meierhof, entstand in den Jahren 1669-1732. In den Jahren 1670 - 1675 wurde der Festsaal vom Baumeister Kaspar Feichtmayr errichtet und ausgestaltet. Die Klosterkirche St. Benedikt im Klosterhof wurde in den Jahren 1672-1686 erbaut und der Meierhof in der Zeit von 1708-1718. Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1803 aufgelöst. Im Jahre 1930 erwarben die Salesianer Don Bosco die Klosteranlage und renovierten die Gebäude. Heute leben in der Klosteranlage noch ca. 50 Ordensleute.
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‹B› Der frühbarocke Festsaal und seine Deckenbilder im Kloster Benediktbeuern:
Der längs-rechteckige Festsaal hat je ein Prunkportal an den beiden Schmalseiten und eine tiefe Spiegelkastendecke* mit trapezförmigen, steilen Schrägseiten. In die Decke sind 29 unterschiedlich große, auf Leinwand gemalte Ölbilder eingelassen. Sie sind von Stephan Kessler und Gesellen aus Brixen gemalt.
Stephan Kessler ( 1622 -1700 ) war einer der bedeutendsten Barockmaler Tirols. Als gefragter Künstler des städtischen Klerus und Adels malte er unter anderem Altarblätter und biblische Historienbilder.

* Spiegel ist ein deutsches Lehnwort. Es leitet sich ab von lat. speculum und bedeutet eingedeutscht Bild. Spiegelkasten heißt dann soviel wie Bilderrahmen oder in Verbindung mit der Saaldecke Bilderwand bzw. Bilderdecke; vgl. dazu z.B. ‹13› H. Manke "Spiegel, Bilder und Ikonen im Mittelalter".

Die Gemälde an der Decke im Festsaal bilden thematisch und ihrer Form nach einen Hauptzyklus und zwei Nebenzyklen.

 

Abb. 23 - Die Anordnung des Hauptzyklus und der beiden Nebenzyklen an der Decke des Festsaales
(Zeichnung in Anlehnung an ‹5›)

 

Der Hauptzyklus besteht aus den Bildern 1 - 9 über den beiden Portalen, den Mitten der Längsseiten und im Zentrum der Decke. Sie drücken das Lob der Schöpfung auf Gott, den Schöpfer und Erlöser aus.

Den ersten Nebenzyklus bilden acht Medaillons 10 - 17 an den Längsseiten. Sie illustrieren die ständige Wiederkehr des Wechsels menschlichen Verhaltens und Schicksals als Laster-Tugend-Katalog.

Die übrigen, zwölf rechteckigen Gemälde 18 - 29 stellen die zwölf Monate dar. Aus diesen Monatsdarstellungen besteht der zweite Nebenzyklus:

(18) Januar / (19) Februar / (20) März / (21) April / (22) Mai / (23) Juni und gegenüber
(29) Dezember / (28) November / (27) Oktober / (26) September / (25) August / (24) Juli .

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‹C› Zentralperspektive:
Bei der Zentralperspektive treffen sich alle ins Bild laufenden Linien im sogenannten Fluchtpunkt, der auf der Horizontlinie liegt. Dinge, die - vom Betrachter aus gesehen - weiter entfernt erscheinen, sind daher kleiner dargestellt als Gegenstände oder Personen im Vordergrund.
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‹D› Bedeutungsperspektive:
Bei der Bedeutungsperspektive bemisst sich das Größenverhältnis einer dargestellten Person nicht auf der Entfernung zum betreffenden Betrachter bezogen. Es gilt vielmehr: Je höher der Rang, desto größer die Person.
- zurück zu ‹D› -

‹E› Referenzfigur:
Als Referenzfigur wird die für den Bedeutungszusammenhang typische Figur eines Gemäldes bezeichnet.
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‹F› Kreative Bausteine bezeichnen - auf den amerikanischen Wissenschaftler Mel Rhodes zurückgehend - 4 Grundelemente der Kreativität, die sogenannten 4 Ps (kreative Person, kreativer Prozess, kreatives Produkt, kreativer Problemlösungsdruck). Detaillierte Informationen hierzu finden sich z.B. im Wikipedia-Artikel ‹14› "Kreativität" und der dort angegebenen Quelle ‹15› 'An Analysis of Creativity'.
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‹G› Altdeutsche Monatsnamen heben treffende Merkmale der Monate hervor. Das macht ihren historisch-volkstümlichen Charme aus. Eine Auflistung solcher Namen findet sich z.B. im ‹16› Genealogy-Wiki.
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Quellen und LINKS:

‹ 1› K. Rüdiger "Rad der Fortuna": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/134-fortuna-rad.html
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‹ 2› K. Rüdiger "Thüringer Trachten": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/165-thueringertrachten.html
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‹ 3› K. Rüdiger "Musik der Stille": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/154-musizierende-engel.html
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‹ 4› K. Rüdiger "Gedrechselte Monatsfiguren auf einer 'Ringkugel'": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/181-ringkugel.html
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‹ 5› L. Weber und W.-C. von der Mülbe
"Der frühbarocke Festsaal und seine Deckenbilder im Kloster Benediktbeuern", Bayerischer Volksbildungsverband, München 1996
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‹ 6› K. Rüdiger "Italienisches Stegreiftheater": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/144-commedia.html
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‹ 7› K. Rüdiger "Santons de Provence": www.publicationes.de/verschiedenes/holzwelten/145-santons.html
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‹ 8› R. Alewyn
"Das große Welttheater - Die Epoche der höfischen Feste", Verlag C.H.Beck, München (1. Auflage 1989), ISBN 978-3406331442;
Zitat auch bei Pilot Palais: www.pilotpalais.de/feste/modul04/
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‹ 9› Wikipedia "Weinbau": http://de.wikipedia.org/wiki/Weinbau
- zurück zu ‹9› -

‹10› Wikipedia "Martinstag": http://de.wikipedia.org/wiki/Martinstag
- zurück zu ‹10› -

‹11› J.C. Cooper
"Illustriertes Lexikon der traditionellen Symbole", Drei Lilien Verlag VEB E.A. Seemann Verlag, Leipzig 1986, S.40
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‹12› K. Rüdiger "Kleine Welten in Holz": www.kleine-welten-in-holz.de
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‹13› H. Mahnke
"Spiegel, Bilder und Ikonen im Mittelalter", Books on Demand GmbH Norderstedt 2011, ISBN 978-3-8423-3900-2
Auszug daraus unter [Beschreibung]: www.alice-dsl.net/helmutmahnke/Buch 3 Text 2.html
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‹14› Wikipedia "Kreativität": http://de.wikipedia.org/wiki/Kreativität
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‹15› Rhodes, Mel
"An Analysis of Creativity" in: Phi Delta Kappan. April 1961, S. 305-310.
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‹16› Genealogy-Wiki "Monate": http://wiki-de.genealogy.net/Monate#Alte_deutsche_Bezeichnungen
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