Die Ereignisse beim Einzug in Jerusalem
Jesus ließ sich von seinen Jüngern in Betfage (vgl. [2] Karmontag) eine Eselin und ihr Folen besorgen. Darauf reitend zog er in Jerusalem ein. Seine Begleiter verkündeten mit lauten Hosanna-Rufen, er komme als "Sohn Davids" und "im Namen des Herrn". Die ganze Stadt geriet dadurch in Aufregung. Zahllose Anwohner säumten bald den Wegesrand. Das Bild, das sich ihnen bot, erinnerte sie lebhaft an die allbekannten Profetenworte Sacharjas (Sach 9,9), der vorhergesagt hatte, dass genau so der ersehnte Friedenskönigs ankommen werde. Danach hatten die Israeliten große Sehnsucht, denn sie wünschten sich nichts so sehr wie die Befreiung von der Vorherrschaft und Bevormundung der Römer. Sie hoffen - bis auf den heutigen Tag - auf den "Messias" als ihren Befreier. Damals projizierte das Volk seine Hoffnung auf den Einzug von Jesus Christus, denn es meinte, die Profezeiung des Sacharja erfülle sich damit. Darum legte es ehrerbietig Gewänder und Palmzweige auf den Weg und stimmte begeistert in die Hosannarufe seiner Begleiter ein. So entstand eine ekstatische Stimmung wie bei einer Massenhysterie, die erst abebbte, als er im Tempel angekommen war.
Bedeutung für die Heilsgeschichte
Der Einzug in dieser Stadt, dem Mittelpunkt der jüdischen Welt und geistiges Zentrum der vorchristlichen Welt, ist für Jesus selbst von ähnlich weitreichender Bedeutung wie seine Taufe im Jordan etwa drei Jahre zuvor: Ankunft mitten in der Welt, bei den Menschen. Aber Jesus legt diesen Weg anscheinend ohne Anzeichen von Rührung oder Freude zurück. Denn er kann vorhersehen, dass diese Begeisterung nicht nur abrupt enden, sondern sogar in das krasse Gegenteil der hasserfüllten Ablehnung umschlagen wird. Aber er weiß auch: Seine Ankunft in Jerusalem, dem Bild für die ganze reale, machtbesessene und an Äußerlichkeiten klebende Welt, muss sein. Er will bei den Menschen nicht flüchtige Begeisterung auslösen, sondern in ihrem Inneren ankommen, ja wenn es sein muss sich für sie opfern. Im Wissen um die Unbeständigkeit aller Ekstase lässt er die überschwängliche Ehrung an sich abgleiten. Denn in Jerusalem wird er nicht zur Königswürde erhoben, sondern von den pharisäischen Machthabern abgelehnt, der Gotteslästerung bezichtigt, angeklagt, auf ihr Betreiben gefoltert und hingerichtet werden. Dieser aufopfernde Weg hat an Palmsonntag begonnen.
Bedeutung für die Gegenwart
Jesus weiß, was die Menge erst rückblickend erkennt: Die öffentliche Meinung ist unbeständig und unzuverlässig. Ekstatische Begeisterung ist nicht dauerhaft, sondern flüchtig. Alle Ekstase ist vergänglich: Wie zeitlos wahr und wie erschreckend!
Das Palmsonntagsgeschehen enthält Warnungen: Die begeisterte Zustimmung vieler ist längst kein Garant für Beständigkeit. Die Zustimmung der Massen kann jederzeit ins Gegenteil umschlagen. Wirkliche Werte erweisen ihre Echtheit auch durch Dauerhaftigkeit.
Die schönste Botschaft vom Palmsonntag hat den Charakter einer Einladung: "Lass Jesus Christus im Herzen ankommen, nicht irgendwann und irgendwo an einem geweihten Ort, sondern hier und jetzt und immer wieder."
Brauchtum
Zur [3] Liturgie der katholischen Kirche am Sonntag "In dominica palmarum" gehört die Weihe der "Palmzweige" (wo solche nicht wachsen auch Zweige von heimischen Sträuchern wie beispielsweise Liguster). In einigen Regionen (beispielsweise Österreich, Bayern, Italien und Spanien) werden Zweige zu mit Bändern und Symbolen verzierten "Buschen" gebunden, die mancherorts an geraden Ästen (Palmstangen) befestigt werden. Mit einer feierlichen "Palmprozession" werden die Buschen in die Kirche getragen und während der Messe gesegnet. Anschließend nehmen sie ihre Besitzer mit heim, schmücken das Haus, Stall oder Garten damit und erhoffen sich Fruchtbarkeit und Schutz vor Bösem als Wirkungen des Palmsegens. Zu [4] Aschermittwoch werden geweihte Palmzweige des Vorjahres verbrannt, um die Gläubigen mit dieser Asche als Symbol ihrer Vergänglichkeit zu bezeichnen.
Auch in manchen evangelischen Gemeinden ist es Brauch, am Palmsonntag kleine Sträuße grüner Zweige mit in den Gottesdienst zu nehmen und hernach daheim aufzubewahren.
Während etliche darin nur einen hübschen Frühlingsschmuck sehen, gilt er manchen Christen als Ausdruck für den Wunsch, ihr Zuhause unter die Regentschaft von Jesus Christus zu stellen. Wie alle religiösen Zeichen bekommen auch die Palmzweige ihren Sinn und ihre Wirksamkeit aus dem Glauben der Menschen.


