Medizin für die Bildung von Peter Denker

"Medizin für die Bildung - ein Weg aus der Krise" von Manfred Spitzer - Rezension

Bucheinband

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Erkenntnisse der Gehirnforschung nehmen an Zahl und Qualität immer mehr zu. Das geht mit der Perfektionierung der bildgebenden Verfahren zur Untersuchung von Gehirnaktivitäten einher und mit der Anwendung verlässlicher Methoden der Statistik auf Fragestellungen nach Gehirn-Aktivitäten beeinflussenden Bedingungen. Damit gewinnt diese Forschung immer mehr an Bedeutung als etablierte naturwissenschaftliche Disziplin, die auch immer mehr und beachtliche Aussagen über günstige und ungünstige Einflussfaktoren für die Persönlichkeitsentwicklung durch Bildung und Erziehung vermittelt. Davon handelt das Buch des Psychiatrieprofessors Manfred Spitzer. Er sieht und zieht Parallelen zwischen Arzt und Lehrer bzw. Medizin und Erziehungswesen und kommt dabei zu teils evidenten, teils überraschenden Ergebnissen und auch zu einigen ernstzunehmenden Vorschlägen auf dem Gebiet "translationaler" (interdisziplinärer) Forschung.

Grenzen der Analogie von Arzt und Lehrer

Vertrauen des Patienten zum Arzt und des Lernenden zum Lehrer ist eine beiden gemeinsame unerlässliche Voraussetzung für Akzeptanz und Wirksamkeit ihres Handelns (S. 31ff). Das gründet sich in beiden Fällen auf Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Während ein Patient sich allerdings den Arzt meist wählen kann, hat der Lernende an Schulen diese Freiheit in der Regel nicht. Und während wiederholte Behandlungsfehler zum Entzug der Approbation führen können, ist bei Lehrern "Unfähigkeit im Beruf" kein Entlassungsgrund (S. 36). Während in Krankenhäusern die beratende Mentorentätigkeit von Oberärzten gegenüber einer Handvoll jüngerer Ärzte selbstverständlich praktiziert wird, sind an Schulen Hospitation und beratende Gespräche von jüngeren mit erfahreneren Lehrern nach Abschluss der Lehrerausbildung leider immer noch seltene Ausnahmen.

Mängel des gegenwärtigen Bildungssystems

Eltern, Kindergärten, Schulen und Hochschulen leisten ihre Arbeit verbreitet noch ohne Berücksichtigung elementarer Erkenntnisse der Gehirnforschung aufgrund traditioneller oder verwaltungsmäßiger Vorgaben oder nach Gutdünken oder aus Bequemlichkeit. Das Schulsystem leidet in Deutschland auch unter dem Kulturföderalismus, der ohne Nutzen viel kostet und jeden gravierend benachteiligt, der hier in ein anderes Bundesland umziehen muss. Dieses Schulsystem muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass es an sich begeisterungsfähige Lernbereite ebenso frustriert wie Lehrer, die vor lauter Bildungsbürokratie und Enttäuschungen ihre Begeisterungsfähigkeit einbüßen. Lehrer wie Ärzte ersticken in nutzlosen Dokumentationspflichten. Lehramtsstudenten werden wie Schüler in Stundenpläne und Punktsysteme eingezwängt. Für Kreativität und freie Entfaltung bleibt zu wenig Raum. So können weder Begeisterung für Interessengebiete noch Freude an daran entwickelten Fähigkeiten aufkommen. Die Bedingungen dieses Schulwesens beeinträchtigen die in jedem gesunden Gehirn veranlagte natürliche Lernbereitschaft und Lernfreude in unerträglicher Weise.

Lernen aus neurowissenschaftlicher Sicht

Nervenzellen (Neuronen) und die Verbindungen zwischen ihnen (Synapsen) unterliegen einer ständigen Veränderung durch ihre Aktivität. Diese Veränderung des Gehirns durch seinen Gebrauch bezeichnet man als "Neuroplastizität". "Lernen" beschreibt der Gehirnforscher als "Veränderung der Stärke der neuronalen Verknüpfungen", die man mit bildgebenden Verfahren fotografieren und filmen kann (S. 51). Durch wiederholte Änderung der Synapsen, bilden sich "Spuren" im Gehirn. Dabei verdichten sich einzelne Erfahrungen zu Mustern gemeinsamer Merkmale. "Das Allgemeine wird an Beispielen gelernt." (S.56) Das Üben an vielen, relevanten Beispielen ist dazu nötig, irrelevante Fakten stören (S.59). Das Gehirn entdeckt Regeln durch Verallgemeinerung, nicht durch Auswendiglernen. Das Gehirn ist "ein Organ, dessen Funktion es ist, permanent zu lernen." (S. 62)

Entwicklung des Gehirns

Das Gehirn eines Neugeborenen enthält, obgleich es anfangs nur ein Viertel des Volumens und Gewichts im Erwachsenenalter aufweist, schon alle Nervenzellen und Verbindungen. Was allmählich hinzukommt ist "Myelin", das als fettartige Ummantelung von Nervenfasersträngen bewirkt, das sich die elektrischen Impulse zwischen den Modulen des Gehirns darüber fast vierzigmal schneller ausbreiten können als ohne diese Ummantelung. Eine nicht myelinisierte Nervenfaserverbindung vergleicht Spitzer mit einer toten Telefonleitung: vorhanden aber funktionslos. Der zweite wesentliche Unterschied zum ausgewachsenen und herangebildeten Gehirn ist das anfängliche Fehlen von "Spuren". Beides bewirkt, dass Kleinstkinder völlig anders lernen als heranwachsende: Mit unsäglich vielen Versuchen lernt das Baby elementare Fähigkeiten wie den aufrechten Gang "von Fall zu Fall". Auch im Jugendalter muss das Lernen noch auf die nicht abgeschlossene Gehirnentwicklung Rücksicht nehmen, indem es von einfachen allmählich zu komplexeren Beispielen geführt wird. Das Gehirn des Erwachsenen hingegen, das nicht mehr wächst, hat die Eigenschaft eines "paradoxen Schuhkartons", der umso mehr aufnehmen kann, je mehr sich schon darin befindet.

Das Denken

Das sich im Lauf der Jugend vollziehende Nachreifen des Gehirns betrifft vor allem den frontalen Kortex, in dem die anspruchsvollsten geistigen Tätigkeiten ablaufen: Das Denken, komplexe Strukturen, abstrakte Regeln, Normen, Werte, Regeln von Regeln, Steuerung und Kontrolle von Aktionen - alles, was die Persönlichkeit ausmacht. (S. 170 f) Die Veranlagung und Wirksamkeit der Persönlichkeitsmerkmale sind "das Produkt von Lernen und Erfahrung". (S. 171) Werte werden nicht durch Belehrung, sondern "durch das Leben in einer Wertegemeinschaft" gelernt. (S. 173) Durch langfristiges und beständiges Training an Beispielen kann der Einfluss von Werten auf das Verhalten einer Person im frontalen Kortex eingeübt werden, so dass der Mensch zur Selbstkontrolle im Allgemeinen befähigt wird: "Selbstkontrolle ist lernbar!" (S. 181) Diese hat nicht nur für das sozialen Verhalten Bedeutung, sondern die ausgewogene Balance zwischen Erregung und Hemmung ist für das Funktionieren des Gehirns selbst unabdingbar. (S. 183)

Einflussfaktoren

Entgegen früher anderslautenden Behauptungen haben aktuelle neurowissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass die kognitive Entwicklung von Kindern mindestens ebenso stark von den äußeren Bedingungen des Lernens abhängt wie von der ererbten genetischen Disposition des Gehirns. Etliche Studien belegen, "wie wichtig eine gute, stimulierende Umwelt für die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten eines Kindes ist." (S. 89) Mit Kindern zu reden, zu spielen und ihnen vorzulesen und die Förderung in Kindergärten bewirken nicht nur eine frühe Ausbildung geistiger Fähigkeiten, sondern auch nachhaltige positive Effekte auf die Intelligenz. Die Auswirkungen der Lernumgebung auf den Bildungserfolg sind größer als die Wirksamkeit von teuren Medikamenten auf den Heilungsprozess von Kranken. (S. 93) Die für das Bildungswesen und für das Gesundheitswesen bestimmten Etats stehen dazu in schlechter Relation. Beiden wäre besonders durch Maßnahmen zur Armutsbekämpfung gedient. (S. 94)

Praktische Folgerungen aus Ergebnissen der Gehirnforschung

 

  • "Wer ohne Gehirn, an Gehirnen vorbei oder gar gegen die Gehirne unterrichtet, kann keinen Erfolg haben." (S.50)
  • "Handelndes Lernen wirkt sich nicht nur auf das Hantieren aus, sondern auf alle Aspekte des geistigen Umgangs mit den gelernten Inhalten." (S. 128)
  • "Ein Mausklick ist nur ein Akt des Zeigens und kein Akt des handelnden Umgangs mit einer Sache." (S. 129)
  • Das frühzeitige Erlernen und Üben eines Musikinstruments wirkt sich positiv auf das Gehirn und dessen Leistungsfähigkeit in Aktivitäten aus, die Ausdauer und Geschick erfordern. (S. 249)
  • "Wenn wir wollen, dass die nächsten Generationen in der Schule für das Leben lernen, muss die emotionale Atmosphäre beim Lernen stimmen." (S. 141)
  • Ein guter Lehrer darf Angst nicht aufkommen lassen, denn sie blockiert. Sarkasmus, Zynismus und Ironie erzeugen Angst, die kreatives Problemlösen verhindert. (S. 143)
  • Mit Dopaminausschüttung infolge von Ergebnissen, die "besser als erwartet" ausfallen, erzeugt das Gehirn Glücksempfindungen, die seine Bereitschaft zu ständigem Lernen stimulieren. (S. 146)
  • "Menschen sind von Natur aus motiviert und brauchen nicht motiviert zu werden." (S. 149)
  • Neugier und Denken sind "immer in Bewegung." (S. 151)
  • "Gedächtnisareale sind beim Merken der Lösung umso aktiver, je neugieriger man gerade auf die Antwort ist." (S. 153)
  • "Negative Urteile über sich selbst führen zu Hilflosigkeit und damit zu Angst und Stress." (S. 156)
  • "Gelingt es frühzeitig, ein negatives Selbstbild durch aktive Selbstbejahung zu durchbrechen, kommt es zu besseren Leistungen." (S. 162)
  • Schüler können lernen, dass Anstrengung ihre Leistungsfähigkeit verstärkt und erleben so Selbstwirksamkeit. (S. 165)
  • Kenntnis der Veränderungsprozesse im Gehirn während der Pubertät erleichtert den Umgang mit ihren Begleiterscheinungen. (185)

 

Auswirkungen von TV und PC auf das Gehirn

 

  • "Elektronische Medien sind dem Lernen und der geistigen Entwicklung von Babys abträglich." (S. 195)
  • "Die Benutzung des Computers im frühen Kindergartenalter kann zu Aufmerksamkeitsstörungen führen, im späteren Kindergartenalter zu Lesestörungen, im Schulalter zu sozialer Isolation." (S. 202)
  • Auch für Jugendliche ist nachweisbar das erreichte Bildungsniveau umso schlechter je mehr sie fernsehen. (S. 197)
  • "Ein eigener Fernseher im Kinderzimmer verschlechtert die Schulleistungen wesentlich, eine eigene Playstation ebenfalls." (S. 243)
  • Computer können den Lehrer "enorm unterstützen", so dass es zu mehr Lernen und weniger Frust kommt. Ohne den Lehrer aber leisten sie das keineswegs. Denn "das Lernen in Bildungseinrichtungen ist ein aktiver Prozess zwischen Menschen, die ihn seinem Wesen nach tragen." (S. 205)
  • Computer-Lernsysteme wie z.B. bettermarks sind gut geeignet, das Lernen zu individualisieren, Angst abzubauen und dem Lehrer mehr Zeit für die individuelle Schülerförderung zu geben. (S. 252 f)

 

Bedeutung der Bildung

Schon in der Einleitung zum vorliegenden Buch führt Spitzer aus, dass die instabilen ökologischen und ökonomischen Bedingungen ein Umdenken zwingend erfordern, und deutet an, dass er Bildungsinvestitionen sogar als gangbaren Weg zur Rückführung der Staatsverschuldung ansieht, die er (im 2. Kapitel, S. 45) durch den Renditeertrag einer Bildungsreform bis 2074 für erreichbar hält. Wenn man sich eine bundesweite Reform mit dem realistischen Ziel vorstellt, in 10 Jahren bundesweit den Messwert des Bildungsstandards um 60% in Richtung des derzeit in Bayern vorfindlichen anzuheben, hätten sich 2030 sämtliche Kosten im Bildungsbereich amortisiert und bis 2090 würde sich der Effekt einer solchen Reform auf 2,8 Billionen Euro belaufen. So wie Prophylaxe wirtschaftlicher (und gesundheitsfördernder) als jede Therapie ist, sind Bildungsinvestitionen wirtschaftlicher (und dem sozialen Fortschritt dienlicher) als Sozialausgaben zur Reparatur von Folgen des noch defizitären Bildungssystems. Umdenken, Umlenken und ein langer Atem sind dazu nötig - wie beim Klimaschutz.

Allen, die sich mit der berechtigten Forderung nach Gleichheit der Bildungschancen insgeheim mehr Gleichheit (für sich) wünschen, hält Spitzer entgegen, dass guter Unterricht nachweislich nicht ausgleichend wirkt, sondern begabungsbedingte Unterschiede verstärkt. Förderung wirkt auf Gehirne umso förderlicher, je besser sie bereits zum Lernen disponiert sind. "Wer auf Gleichheit der Resultate besteht, muss auf guten Unterricht verzichten" (S. 245) - oder die Anforderungen senken. An die Adresse der Bildungsbürokraten richtet er die Mahnung: "Ein System, das Menschen gängelt, das Lehrende und Lernende als Befehlsempfänger begreift, das Zwang ausübt statt Freiheit gewährt, das Reformen von oben diktiert, statt sie von unten zuzulassen, bringt keine kreativen, selbstbewussten, kritischen, motivierten, zeitlebens bildungshungrigen wie bildungsfähigen Menschen hervor." (S. 254) Und er schenkt den bildungshungrigen Menschen die Ermutigung: "Gebildete Menschen sind gesünder und leben deutlich länger als ungebildete."

Empfehlung

Hinsichtlich mancher konkreten Anregungen zur Umgestaltung von Schule muss Spitzer sich zwar die Frage nach deren Praktikabilität gefallen lassen, aber alles in allem ist sein Buch sehr lesenswert. Denn es beruht auf einer Fülle wissenschaftlicher Abhandlungen und Erkenntnisse, verfolgt einen originellen Schreibfaden, der sich im Titel andeutet, ist stilistisch ansprechend geschrieben und regt zum Nachdenken an. Eltern, Erziehern und allen Verantwortlichen im Schulwesen ist das Buch als Pflichtlektüre sehr ans Herz zu legen.

Bilbliographie

Manfred Spitzer: "Medizin für die Bildung" - Ein Weg aus der Krise.
Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2010,
ISBN 978-3-8274-2677-2, Gebunden, 276 Seiten. Euro 19,95